Wenn das Licht angeht
Eine Taxifahrerin, ein Mann mit einer hässlichen Pflanze und eine zweite Runde um den Block, die niemand bestellt hat.
Um 22:48 Uhr stieg der Mann mit der Topfpflanze in Adas Taxi.
Er öffnete zuerst die hintere Tür, schloss sie wieder, als hätte er sich erschreckt, und setzte sich dann nach vorn. Die Pflanze hielt er auf den Knien. Sie war groß genug, um seine Brust zu verdecken, und klein genug, um beleidigt auszusehen. Ihre Blätter hingen an den Rändern braun herunter.
„Birkenweg zwölf“, sagte er.
Ada tippte die Adresse ein. „Anschnallen bitte.“
Der Mann legte den Gurt über die Pflanze.
„Sich“, sagte Ada.
„Ach so.“
Er schnallte sich an. Die Pflanze blieb ungesichert und machte in der ersten Kurve eine vorwurfsvolle Bewegung.
Es regnete nicht richtig. Es war mehr eine feuchte Entscheidung der Stadt, alles glänzen zu lassen, ohne sich festzulegen. Adas Scheibenwischer machten bei jedem dritten Zug ein kleines, trockenes Quieken. Sie hatte vor zwei Tagen beschlossen, es zu ignorieren. Manche Geräusche wurden größer, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkte.
„Sind Sie lange heute?“, fragte der Mann.
„Bis eins.“
„Das ist spät.“
„Für ein Taxi eher mittel.“
Er nickte, als habe sie ihm ein Berufsgeheimnis verraten. In der Navigationsansage sprach eine Frau mit unzerstörbarer Laune von einer Umleitung. Ada kannte die Umleitung. Die Stadt grub seit Wochen an derselben Kreuzung, ohne dass je jemand dort arbeitete.
„Sie fahren falsch“, sagte der Mann nach vier Minuten.
„Ich fahre die Umleitung.“
„Früher ging es hier links.“
„Früher ging vieles links.“
Er lächelte nicht. Ada bereute den Satz ein bisschen, aber nur beruflich.
Der Mann roch nach nasser Wolle. Er trug einen Hut, der zu ernst für das Wetter war. An seinem linken Handgelenk klebte ein Pflaster, schief, mit einem dunklen Punkt in der Mitte.
„Wohnen Sie da?“, fragte Ada.
„Ja.“
„Dann kennen Sie die Baustelle bestimmt.“
„Ich wohne dort seit Dienstag nicht mehr.“
Ada sah kurz zu ihm hinüber. Er sah geradeaus. Die Pflanze verdeckte alles, was ein Körper sonst verriet.
„Umzug?“
„Fast.“
Das Taxameter klickte leise. Ada mochte dieses Geräusch nicht. Es klang, als würde jemand kleine Urteile sammeln.
„Meine Frau hat immer gesagt, die Bäckerei riecht morgens bis in den Flur.“
Ada sagte nichts. Taxifahrerinnen entwickelten ein Gefühl dafür, welche Sätze Türen waren und welche nur Möbel.
„Also“, sagte er nach einer Weile, „meine frühere Frau.“
„Mhm.“
„Nicht tot.“
„Gut.“
„Für wen, weiß ich nicht.“
Das war der erste Satz, der etwas wollte. Ada ließ ihn im Fußraum liegen.
Der Birkenweg begann hinter einer Reihe Garagen. Die Häuser waren niedriger als im Rest des Viertels, als hätten sie sich schon vor Jahren auf schlechte Nachrichten eingestellt. Nummer zwölf hatte ein schmales Vordach, zwei Mülltonnen, einen Briefkasten mit drei Namensschildern. Im Erdgeschoss brannte kein Licht.
Ada setzte den Blinker, hielt am Bordstein und drückte auf Kasse.
Der Mann bewegte sich nicht.
„Vierzehn achtzig“, sagte sie.
Er starrte auf das dunkle Fenster über dem Briefkasten.
„Kann ich noch eine Minute sitzen?“
„Das kostet dann.“
„Ja.“
Ada ließ das Taxameter weiterlaufen. Der Scheibenwischer quietschte. Die Pflanze tropfte auf seine Hose. Aus irgendeinem Grund machte ihn das nicht lächerlicher, sondern ordentlicher, als müsse wenigstens etwas an diesem Abend eine Richtung haben.
Nach zwei Minuten sagte Ada: „Warten Sie auf jemanden?“
„Auf Licht.“
„Stromausfall?“
„Nein.“
Sie hätte jetzt nicken können. Professionell schweigen. Den Blick so weich stellen, dass Menschen ihn mit Verständnis verwechselten. Stattdessen sagte sie: „Das Licht geht nicht schneller an, wenn ich hier den ganzen Abend stehe.“
„Ich weiß.“
„Nur damit wir die Physik geklärt haben.“
Er griff in die Manteltasche und holte Münzen heraus. Viel zu viele. Zwei Euro, fünfzig Cent, zwanzig, zehn. Als wollte er den Abend in Kleingeld abschaffen.
„Ich kann bezahlen.“
„Das habe ich befürchtet.“
Da lachte er, aber falsch herum, nach innen. Die Pflanze raschelte, obwohl kein Wind im Wagen war.
In Nummer zwölf blieb alles dunkel. Im zweiten Stock ging ein Fernseher an, blaues Flackern hinter einem Vorhang. Nicht sein Fenster. Ada wusste nicht, woher sie das wusste. Vielleicht, weil der Mann es nicht ansah.
„Die Pflanze“, sagte er, „ist eigentlich nicht schön.“
Ada sah auf die braunen Ränder. „Sie ist konsequent.“
„Sie stand immer in der Küche. Neben der Tür zum Balkon. Ich habe sie nie gemocht.“
„Dann ist heute ihr großer Abend.“
„Sie hat gesagt, ich soll sie mitnehmen, wenn ich schon alles mitnehme, was im Weg steht.“
Ada legte beide Hände ans Lenkrad. Es war ein hässlicher Satz, aber nicht wegen der Form.
„Und jetzt bringen Sie sie zurück?“
„Nein.“
„Sondern?“
„Ich wollte sehen, ob sie das Licht anmacht.“
Ada sah auf die Uhr. 23:07. Sie hatte am Hauptbahnhof um halb zwölf eine Vorbestellung.
„Vielleicht ist sie nicht da“, sagte Ada.
„Sie ist da.“
„Vielleicht schläft sie.“
„Sie schläft nie vor zwölf.“
„Vielleicht hat sie beschlossen, heute damit anzufangen.“
Er nickte. Diesmal traf ihn der Satz. Nicht tief, aber genau genug.
Ein Auto bog in den Birkenweg ein. Ada und der Mann sahen gleichzeitig hin. Es fuhr vorbei, suchte eine Lücke, fand keine, verschwand. Im dunklen Fenster spiegelte sich kurz Adas Taxischild auf dem Dach: frei. Eine Frechheit von einem Wort.
„Ich fahre jetzt“, sagte Ada.
Der Mann schloss die Finger um den Topfrand. „Ja.“
Er machte keine Anstalten auszusteigen.
„Ich meine: mit Ihnen oder ohne Sie?“
„Noch eine Runde um den Block“, sagte er. „Wenn das geht.“
„Gehen tut viel. Ist nur selten eine gute Idee.“
„Eine schlechte reicht.“
Ada seufzte so, dass er es hören konnte. Dann drückte sie das Taxameter aus.
„Nein“, sagte sie, als er etwas sagen wollte. „Das ist keine Dienstleistung mehr. Das ist Dummheit. Die rechne ich nicht ab.“
Sie fuhr an. Der Birkenweg glitt nach hinten: Nummer zwölf, die Mülltonnen, der Briefkasten, das dunkle Fenster. An der nächsten Ecke musste sie wegen der Baustelle weiter geradeaus, dann rechts, dann durch eine Straße, in der alle Autos halb auf dem Gehweg standen, als hätten sie abends die Knochen nicht mehr richtig sortiert.
Der Mann hielt die Pflanze fester.
„Sie müssen das nicht“, sagte er.
„Bei der ersten Runde ist der Satz höflich. Bei der zweiten macht er Arbeit.“
Als sie wieder in den Birkenweg einbogen, brannte im Erdgeschoss Licht.
Nicht hell. Nur eine schmale gelbe Fläche hinter dem Küchenfenster. Jemand hatte die kleine Lampe über der Spüle angemacht, die Art Licht, bei dem man nicht wohnt, sondern kurz wach wird.
Ada hielt nicht direkt vor Nummer zwölf. Sie rollte langsam, als sei der Bordstein plötzlich kompliziert.
Rainer atmete aus.
„Jetzt?“, fragte Ada.
Er sah die Pflanze an. Ein Blatt hatte sich gelöst und lag auf seinem Mantel wie eine braune Zunge.
„Fahren Sie weiter“, sagte er.
Ada fuhr weiter.
An der Ecke wurde die Ampel grün, ohne dass sie warten mussten.
„Bahnhof?“, fragte sie.
„Wenn Sie noch können.“
„Ich kann einiges. Ich prahle nur nicht damit.“
Er lächelte. Diesmal blieb es kurz in seinem Gesicht, bevor es verschwand. Die Pflanze stand schief zwischen seinen Knien. Im Rückspiegel wurde der Birkenweg klein und dann dunkel, bis nur noch der gelbe Punkt im Küchenfenster übrig war.
Ada hätte sagen können, dass er zurückgehen sollte. Oder dass es besser sei, nichts zu beweisen, was niemand sehen wolle. Oder irgendeinen anderen Satz, der in einem Auto nach Tiefe klang und beim Aussteigen sofort kaputtging.
Sie sagte nichts.
Der Scheibenwischer zog über die feuchte Scheibe und quietschte nicht.