Nummer 47
Im Bürgeramt bleibt die Anzeige bei 47 hängen, und Leonie müsste nur einen Buchstaben aus ihrem Namen retten.
Im Bürgeramt zog die Maschine keine Nummern mehr.
Sie stand neben dem Wasserspender, hellgrau, mit einem schmalen Schlitz und einem roten Lämpchen, das blinkte, als hätte es etwas Persönliches gegen die Wartenden. Auf dem Display stand 47. Seit vierundzwanzig Minuten stand dort 47. Niemand im Raum hatte die Nummer 47.
Leonie wusste das, weil alle ihre Zettel inzwischen hochgehalten hatten wie schlechte Spielkarten.
„Ich hab 42“, sagte ein Mann mit Fahrradhelm. Er trug den Helm noch, obwohl sein Fahrrad vermutlich draußen längst nass wurde.
„53“, sagte eine Frau mit Kinderwagen, in dem kein Kind lag, sondern drei Aktenordner und ein Stoffhase mit abgegriffenem Ohr.
„B12“, sagte ein alter Herr.
„Das ist Blutdruck“, sagte die Studentin neben Leonie, ohne von ihrem Formular aufzusehen.
Der alte Herr betrachtete seinen Zettel. „Dann hab ich wenigstens etwas.“
Leonie hielt ihre Nummer in der Faust. 48. Sie hatte sie vor einer halben Stunde gezogen, als die Maschine noch ein Geräusch gemacht hatte, das fast freundlich war. Danach war das rote Lämpchen angegangen, und seitdem herrschte eine Art ziviler Ausnahmezustand mit Neonlicht.
Über Schalter 3 hing ein Schild: Meldeangelegenheiten. Jemand hatte mit Bleistift ein n vor Angelegenheiten gesetzt. Meldenangelegenheiten. Das war nicht witzig genug, um Absicht zu sein, und zu witzig für Zufall. Leonie starrte so lange darauf, bis das Wort nicht mehr zu gebrauchen war.
Sie war wegen einer Änderung hier. Eine Kleinigkeit, hatte sie am Telefon gesagt. Der Akzent müsse weg. Die Frau am anderen Ende hatte gefragt: „Welcher Akzent?“
„Der über dem e.“
„Sie sprechen doch ganz normal.“
Leonie hatte gelacht, weil es einfacher war, mit Fremden gemeinsam an der falschen Stelle zu sein.
Auf ihrem Personalausweis stand seit zwei Jahren Leonié Scharf. Das System hatte ihren Namen damals mit einem schrägen Strich versehen, ein kleines Dach, eine Beschädigung, je nachdem, wie man hinsah. Sie hatte sich daran gewöhnt. Andere auch. Manche nicht.
Jetzt saß sie zwischen einem Mann, der nach nasser Wolle roch, und der Studentin, die ihre Formulare mit grünem Textmarker markierte, als könne man die Verwaltung durch Farbe in die Knie zwingen. Aus einem Lautsprecher in der Decke kam ein Knacken. Danach nichts. Sogar Ansagen hatten hier Hemmungen.
„Wer ist denn 47?“, rief der Fahrradhelm.
Niemand antwortete.
Hinter der Glasscheibe von Schalter 2 bewegte sich eine Sachbearbeiterin langsam durch Papiere. Sie hatte rotes Haar, streng zusammengebunden, und eine Tasse mit der Aufschrift Montag ist auch nur ein Gefühl. Es war Freitag. Neben der Tastatur lag ein Apfel, in den einmal gebissen worden war, sauber und ohne Begeisterung.
Leonie hätte aufstehen und sagen können: Ich bin 48. Wenn 47 nicht da ist, nehmen Sie mich. Sie sagte nichts. Der Zettel wurde feucht in ihrer Hand.
Ihr Handy vibrierte.
JONAS: Wie lange dauert das noch?
Sie drehte das Display nach unten auf den Oberschenkel. Der Mann mit der nassen Wolle sah kurz hin und wieder weg. Höfliche Menschen waren die schlimmsten Zeugen.
„Das ist wieder typisch“, sagte die Frau mit dem Kinderwagen. „Man wartet auf jemanden, der längst weg ist.“
„Vielleicht ist 47 Mittag essen“, sagte die Studentin.
„Um neun Uhr vierzig?“
„Beamtenmagen.“
Einige lachten. Leonie auch, zu spät und etwas zu laut. Der alte Herr nickte ihr zu, als hätte sie einen Beitrag geleistet.
Schalter 1 summte. Die Anzeige sprang auf 47, blieb bei 47, machte ein trockenes Klicken und zeigte wieder 47. Vor dem Schalter lag eine einzelne blaue Mappe auf einem Stuhl. Auf ihrem Rücken klebte ein Etikett, halb abgezogen: Hundesteuer.
„Da“, sagte der Fahrradhelm. „Die Mappe ist 47.“
„Dann soll die Mappe bitte bellen, wenn sie aufgerufen wird“, sagte die Frau mit dem Kinderwagen.
Die Studentin schrieb etwas an den Rand ihres Formulars. Leonie konnte es lesen: kein Kind / drei Ordner. Dann strich sie es wieder durch, so heftig, dass das Papier aufgab.
Eine Tür neben den Schaltern ging auf. Ein junger Mitarbeiter trat heraus, sehr groß, sehr dünn, mit einem Schlüsselbund, der zu schwer für ihn wirkte.
„Gibt es ein Problem mit der Nummernausgabe?“
Alle sahen zur Maschine.
„Nein“, sagte der Fahrradhelm. „Wir sitzen nur gern in Gruppen unter Lampen.“
Der Mitarbeiter nickte, als sei das in seinem Aufgabenbereich nicht ausgeschlossen. Er ging zur Maschine und öffnete die Klappe. Darin klemmte ein Streifen Papier, gefaltet wie eine weiße Zunge.
„Ah“, sagte er.
„Ah was?“, fragte die Frau mit dem Kinderwagen.
„Papierstau.“
„Das sagt man immer“, sagte der alte Herr. „Auch wenn Menschen feststecken.“
Niemand lachte. Der Satz war zu schwer für den Raum und zu leicht für das, was er wollte. Der alte Herr merkte es selbst und räusperte sich in seine Faust.
Der Mitarbeiter zog an dem Streifen. Erst passierte nichts. Dann spuckte die Maschine plötzlich Nummern aus: 49, 50, 51, 52, in schnellem Takt, kleine weiße Rechtecke, die auf den Boden fielen. Niemand bückte sich sofort. Es war, als hätte jemand einem Vogel die Tasche geöffnet.
Leonie sah auf ihre Faust. 48. Übersprungen, dachte sie, und war für eine Sekunde so erleichtert, dass ihr schlecht wurde.
Dann leuchtete über Schalter 2: 48.
Die Sachbearbeiterin mit dem Montagsbecher sah in den Raum. „Nummer achtundvierzig bitte.“
Leonie stand nicht auf.
Der Fahrradhelm drehte sich zu ihr. „Sie waren doch 48.“
„Nein“, sagte Leonie.
Es kam zu schnell. Dümmer als Lügen sein sollten.
Der Mann mit der nassen Wolle sah auf ihre Hand. Die Studentin legte den Textmarker ab. Die Frau mit dem Kinderwagen schob den Stoffhasen tiefer zwischen die Ordner, als müsse er das nicht mitbekommen.
„Nummer achtundvierzig“, sagte die Sachbearbeiterin noch einmal. Nicht unfreundlich. Das machte es schlimmer.
Leonie öffnete die Faust. Der Zettel klebte an ihrer Handfläche. Die schwarze Zahl war an einer Ecke verwischt. Über der 8 hatte ihr Daumennagel einen kleinen Halbmond ins Papier gedrückt.
Ihr Handy vibrierte wieder.
JONAS: Bitte nicht wieder verschieben.
Die Wörter standen da, sachlich und müde. Kein Ausrufezeichen. Keine Härte, an der man sich hätte schneiden können.
Leonie nahm das Handy, las die Nachricht und legte es auf den freien Stuhl neben sich, Display nach oben. Dann hob sie die Hand mit dem Zettel.
Die Sachbearbeiterin wartete.
„Ich bin achtundvierzig“, sagte Leonie.
Der Fahrradhelm atmete hörbar aus, als wäre auch er kurz mit aufgerufen worden. Die Studentin lächelte nicht, markierte aber eine ganze Zeile grün, obwohl dort nur Ort, Datum, Unterschrift stand.
Leonie ging zum Schalter. Der Boden zwischen den Stuhlreihen war mit neuen Nummern übersät. Sie trat auf die 51, blieb daran hängen und bückte sich, um sie von der Schuhsohle zu lösen. Die Sachbearbeiterin schob das kleine Sprechloch in der Scheibe auf.
„Was möchten wir ändern?“
Leonie legte ihren Ausweis in die Metallschale. Er rutschte durch den Schlitz und blieb auf der anderen Seite liegen, mit ihrem schrägen e nach oben.
„Den Namen“, sagte sie.
„Schreibfehler?“
Leonie sah auf die blaue Mappe mit der Hundesteuer, auf den angebissenen Apfel, auf ihre Nummer, die nun nicht mehr in ihrer Hand war. Hinter ihr zog die Maschine weiter Papier. 54. 55. 56. Niemand nahm die Zettel auf.
„Vielleicht“, sagte sie.
Die Sachbearbeiterin sah sie an. Nicht lange. Dann zog sie die Tastatur zu sich heran.
„Dann fangen wir mal mit vielleicht an.“
Leonie setzte sich auf den Stuhl vor Schalter 2. Er war zu niedrig. Ihre Knie standen falsch. Im Glas sah sie ihr Gesicht doppelt, einmal mit dem kleinen Strich, einmal ohne, je nachdem, wo das Neonlicht brach.
Hinter ihr sagte der Lautsprecher: „Nummer siebenundvierzig bitte.“
Diesmal drehte sich niemand um.