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KurzgeschichteWattMelancholieEntscheidung

Fünf Minuten vor Wasser

Eine Wattführerin bricht eine Tour ab, bevor die Gefahr spektakulär genug aussieht.

14:17

Um vierzehn Uhr siebzehn stellte Sanne ihre Uhr eine Minute weiter vor.

Sie tat das jeden Juni, manchmal auch im August, nie vor den Gästen. Heute standen elf Menschen am Rand der Salzwiese und sahen auf ihre Gummistiefel hinunter, als hätten die Stiefel versprochen, den Rest allein zu erledigen. Hinter ihnen lagen der Parkplatz, ein Kiosk mit geschlossenen Fensterläden und die sichere Welt der Schilder. Vor ihnen begann das Watt, grau und glänzend, voller kleiner Rillen, in denen sich der Himmel verrannt hatte.

„Wir gehen nur bis zum zweiten Priel“, sagte Sanne. „Wenn ich umdrehe, drehen alle um. Nicht diskutieren, nicht noch schnell ein Foto, nicht: aber da vorne sieht es doch besser aus. Das Watt ist kein Vorschlag.“

Ein Junge mit einer roten Jacke hob die Hand. „Was ist ein Priel?“

„Ein Graben, der so tut, als wäre er keiner.“

Die Mutter des Jungen zog die Mütze tiefer in sein Gesicht. Ein älterer Mann mit Fernglas nickte, als habe er den Satz schon lange gewusst. Seine Jacke war sauberer als der Himmel.

„Ich war letztes Jahr auch dabei“, sagte er. „Da sind wir bis zur Sandbank.“

„Letztes Jahr war letztes Jahr“, sagte Sanne.

„Das Wasser kommt doch erst um fünf.“

„Das Wasser liest den Aushang nicht.“

Die Gruppe lachte kurz, dankbar für etwas, das wie Witz klang. Sanne wartete, bis das Lachen weg war.

Sie setzte den ersten Schritt in den Schlick. Das Watt nahm ihren Stiefel mit einem leisen Schmatzen an und gab ihn widerwillig zurück. Hinter ihr machten elf Paar Füße dieselbe Erfahrung in schlechterer Reihenfolge. Einer fluchte. Jemand fotografierte trotzdem. Sanne hörte das künstliche Klicken eines Handys und sagte nichts, weil Verbote sparsam bleiben mussten.

Die ersten dreihundert Meter waren harmlos. Muschelschalen knackten, kleine Krebse zogen sich in Löcher zurück, der Wind strich flach über die offenen Stellen. Sanne zeigte auf eine Spur im Schlick, erklärte kurz, was eine Wattschnecke war, und sah dabei auf die Pfähle. Der dritte stand ein wenig schief. Nicht genug, um jemanden zu erschrecken. Genug, um ihr nicht zu gefallen.

Am ersten Priel sammelte sie die Gruppe. Das Wasser lag darin dünn und friedlich. Der Junge in der roten Jacke stieß mit dem Absatz hinein.

„Nicht treten“, sagte Sanne.

„Ist doch nur Wasser.“

„Wasser ist beruflich sehr geduldig.“

Der ältere Mann lachte diesmal nicht. „Sie sind aber streng.“

„Ja.“

Sie gingen weiter. Der Boden wurde weicher, die Schritte langsamer. Die Frau mit der Mütze fragte, wie weit es noch sei. Ihr Sohn hielt die Arme vom Körper abgespreizt, als könne man Gleichgewicht herbeistellen. Zwei junge Frauen blieben immer wieder stehen, um ihre Schuhe zu betrachten. Sanne zählte nicht die Minuten, sondern die Atempausen zwischen den Fragen.

Dann hörte sie den zweiten Priel, bevor sie ihn sah.

Er gluckste nicht. Er zog. Ein dunkles Band lag quer vor ihnen, breiter als in der vergangenen Woche, und die Kante war unterspült. Das Wasser bewegte sich mit der stillen Entschlossenheit von etwas, das keinen Anlass zur Eile sah. Sanne steckte ihren Stab hinein. Die Markierung über dem ersten Ring verschwand. Dann die zweite.

„Wir drehen um“, sagte sie.

Niemand antwortete sofort. Die Sandbank lag sichtbar vor ihnen, flach und hell, eine falsche Belohnung.

„Aber da vorne ist es doch schon trocken“, sagte eine der jungen Frauen.

„Da vorne, ja.“

„Wir haben die Tour gebucht.“

„Sie haben auch den Rückweg gebucht.“

Der ältere Mann trat näher an den Priel. „Da kommt man durch. Wenn man seitlich geht.“

„Herr Kroll“, sagte Sanne. Sie hatte seinen Namen beim Anmelden gelesen und gehofft, ihn nicht brauchen zu müssen. „Bleiben Sie hier.“

Er sah sie an, dann die anderen.

„Ich zeige nur—“

Sein rechter Fuß setzte in die dunkle Stelle. Der Schlick gab nicht nach. Er verschwand. Wasser schlug ihm gegen das Knie, und der Mann machte ein Geräusch, das nicht zu seiner Jacke passte.

Sanne war schon bei ihm. „Stab quer. Beide Hände. Jetzt.“

„Es geht“, sagte er.

„Nein.“

Das Wort kam hart. Der Junge in der roten Jacke hörte auf, den Mund offen zu halten. Sanne hielt den Stab gegen Krolls Brust, nicht grob, aber ohne Bitte. Er griff danach. Sie zog nicht. Sie ließ ihn sich selbst herausarbeiten, Zentimeter um Zentimeter. Schlick saugte an seinem Stiefel. Wasser lief ihm in die Socke. Niemand machte ein Foto.

Als er wieder stand, war sein rechter Stiefel voll. Er sah auf sein Bein, als gehöre es zu einem schlechteren Mann.

„Jetzt zurück“, sagte Sanne.

Die Gruppe bewegte sich enger als vorher. Sanne ging hinten, weil das in solchen Momenten besser war. Niemand sollte glauben, sie werde mit gutem Beispiel voran verschwinden.

Der Junge lief neben ihr. „Haben Sie Angst?“

Sanne sah zum Rand der Salzwiese, der noch klein und weit war. „Ja.“

„Echt?“

„Dafür bin ich da.“

Er dachte darüber nach und nickte, als hätte er eine schlechte, aber brauchbare Erklärung bekommen.

Auf dem Rückweg waren die Geräusche lauter. Der Schlick riss an Sohlen, jemand atmete zu schnell, eine Plastiktüte knisterte in einem Rucksack. Die Frau mit der Mütze blieb einmal stehen, weil ihr Knie nicht mehr wollte. Sanne verteilte das Gewicht aus ihrem Beutel: Thermoskanne zu einer jungen Frau, Erste-Hilfe-Päckchen zum Jungen, Karte zu Kroll. So hatte jeder etwas zu halten, außer sich selbst.

„Mein Knie hasst Sie“, sagte die Frau.

„Das Knie darf schriftlich Beschwerde einlegen.“

Ein kleines Lachen ging durch die Gruppe. Diesmal ließ Sanne es stehen.

Als sie den festen Weg erreichten, war der Parkplatz lauter als vorher. Autos, Möwen, eine Tür, die immer wieder zugeschlagen wurde. Die sicheren Dinge machten zu viel Geräusch. Kroll kippte Wasser aus seinem Stiefel. Es lief dunkel über den Asphalt und sammelte sich in einer Mulde.

Er wollte etwas sagen. Man sah es an seinem Mund. Dann zog er nur die Jacke zu, obwohl es warm war.

Die Gruppe löste sich in Paare und Familien auf. Der Junge winkte mit dem Erste-Hilfe-Päckchen in der Hand, bis seine Mutter es bemerkte und zurückbrachte. Sanne nahm es an, ohne daraus eine Szene zu machen.

Am Pfahl wusch sie den Stab mit einer Flasche Wasser ab. Der Schlick saß in den Rillen der Markierungen. Sanne kratzte ihn mit dem Fingernagel heraus. Ihre Uhr ging fünf Minuten vor.

Sie drehte die Krone eine Minute weiter.

Hinter ihr füllte der Priel die Fußabdrücke, ohne Eile.