← Zurück zu Short-Storys
SummenWohnungMutterErinnerung

Drei kurze Töne

In der Wohnung ihrer Mutter hört Nele ein Summen, das sich nicht entscheiden will, ob es Leitung, Erinnerung oder Antwort ist.

Als Nele nach acht Jahren wieder im Haus ihrer Mutter stand, summte der Flur.

Nicht laut. Nicht einmal durchgehend. Es war eher ein dünner Faden, der irgendwo hinter den Wänden gezogen wurde und dann riss, sobald sie ihn wirklich hören wollte. Die Deckenlampe brannte ruhig. Der Sicherungskasten war geschlossen. Auf dem kleinen Regal unter dem Spiegel lag noch immer die Bürste mit den grauen Haaren darin, als hätte ihre Mutter nur kurz vergessen, tot zu sein.

Nele stellte den Koffer ab und zog die Jacke nicht aus.

Im Treppenhaus hustete jemand. Danach Schritte, langsam, das vorsichtige Schleifen von Pantoffeln.

„Frau Berger?“

Nele erkannte die Stimme nicht, aber sie erkannte die Art, wie in diesem Haus Namen durch Türen gesagt wurden. Als wären sie Pfandflaschen, die man zurückgeben wollte.

Sie öffnete einen Spalt.

Eine alte Frau stand draußen, klein und aufrecht, mit einem Schlüsselbund in der Hand. An einem Schlüssel hing ein Plastikfisch.

„Ach“, sagte die Frau. „Sie sind die Tochter.“

Nele nickte.

„Keller. Zweiter Stock. Ihre Mutter hat manchmal meine Pflanzen gegossen.“

„Ja.“

„Sehr zuverlässig.“

„Ja.“

Frau Keller sah an ihr vorbei in den Flur. Das Summen war wieder da, genau in dem Moment. Nele dachte, die alte Frau müsse es hören, aber sie verzog keine Miene.

„Falls Sie etwas brauchen.“

„Danke.“

„Die Wohnung macht Geräusche“, sagte Frau Keller.

Nele wartete.

Frau Keller lächelte mit nur einer Seite ihres Mundes. „Alte Leitungen.“

„Natürlich.“

Sie schloss die Tür, bevor Frau Keller noch etwas hätte sagen können.

In der Küche roch es nach kaltem Kaffee, obwohl die Maschine ausgesteckt war. Auf dem Tisch lag eine Einkaufsliste in der Handschrift ihrer Mutter: Milch, Toast, Batterien, Leberwurst, Kerze. Das Wort Batterien war zweimal unterstrichen. Nele strich mit dem Finger darüber und wischte danach die Fingerkuppe an der Jeans ab.

Sie nahm das Telefon aus der Tasche. Drei verpasste Anrufe von Jonas. Eine Nachricht: Bist du angekommen? Ruf an, wenn du willst. Kein Druck.

Kein Druck war seine Art, Druck zu machen. Eine freundliche Zange.

Sie legte das Telefon mit dem Display nach unten neben die Spüle.

Das Summen kam wieder. Diesmal aus dem Flur, aber tiefer. Nicht elektrisch. Eher wie jemand, der mit geschlossenem Mund einen Ton hielt, um nicht sprechen zu müssen.

Nele ging zur Garderobe. Dort hing der braune Mantel ihrer Mutter, an dem noch ein Schal steckte, sorgfältig durch den Ärmel gezogen. In der Tasche fand sie eine Quittung vom Kiosk unten, eine Packung Pfefferminz und einen kleinen Kassettenrekorder.

Er war silbern, an den Kanten abgegriffen. Auf dem Deckel klebte ein Streifen Malerkrepp. Darauf stand in schwarzem Filzstift: FLUR, NACHT.

Nele lachte einmal kurz. Es klang nicht nach ihr.

Sie drückte auf Play. Nichts. Dann ein Klicken. Rauschen. Ein fernes Knacken, als würde jemand im Schlaf die Zähne aufeinanderlegen. Danach das Summen.

Es war derselbe Ton.

Nele stoppte die Kassette sofort.

Am Abend sortierte sie Schubladen. Das war leichter als Erinnern. In der Kommode fanden sich Gummibänder, alte Kontoauszüge, eine Packung unbeschriebener Trauerkarten und ein Foto von Nele mit sieben Jahren, die eine Papierkrone trug und offensichtlich weinte. Auf der Rückseite hatte ihre Mutter geschrieben: Geburtstag, trotzdem schön.

Trotzdem schön. Das war sehr sie.

Nele legte das Foto in den Müll, nahm es wieder heraus und schob es unter einen Stapel Servietten, als wäre das eine Entscheidung.

Um zehn klingelte Jonas wieder. Sie ließ es klingeln. Beim fünften Mal setzte das Summen ein, so leise, dass es sich unter den Klingelton schob. Beim sechsten Mal brach es ab. Jonas gab auf.

Nele schlief auf dem Sofa, ohne sich zuzudecken.

Sie träumte nicht von ihrer Mutter. Sie träumte von einem dunklen Flur, in dem alle Türen offenstanden, aber hinter keiner Tür ein Zimmer war. Nur weitere Flure. In einem davon saß ein Kind auf dem Boden und hielt sich die Ohren zu. Nele wusste nicht, ob sie das Kind war oder ob sie es nur schon zu lange dort sitzen ließ.

Um 3:17 Uhr war sie wach.

Der Kassettenrekorder lag nicht mehr auf dem Küchentisch.

Eine Weile bewegte sie sich nicht. Das Haus war still, auf die alte Art: Rohre, Holz, ein Kühlschrank, der sich räusperte. Dann das Summen. Es kam aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter.

Nele stand auf.

Vor der Schlafzimmertür blieb sie stehen. Ihre Hand lag schon auf der Klinke. Sie dachte an die kurzen Telefonate der letzten Monate, an das ständige „Alles gut hier“, an die Pausen danach. Nele hatte diese Pausen immer mit brauchbaren Dingen gefüllt. Arbeit. Jonas. Müdigkeit. Die richtige Entfernung, sauber gepflegt.

Das Summen wurde ein wenig lauter.

„Mama?“ sagte sie.

Das Wort fiel sofort zu Boden. Peinlich, klein, unbrauchbar.

Sie öffnete.

Das Zimmer war leer. Natürlich war es leer. Das Bett gemacht, die Vorhänge halb zu, auf dem Nachttisch ein Glas Wasser mit Staubrand. Der Kassettenrekorder lag auf dem Kopfkissen.

Nele ging nicht hinein.

Das Gerät klickte.

Sie hörte die Stimme ihrer Mutter, dünn und nah am Mikrofon.

„Wenn du das hörst, dann bist du endlich da.“

Nele schloss die Augen.

Rauschen.

„Ich weiß nicht, ob es die Leitungen sind. Frau Keller sagt, alte Häuser tun so etwas. Aber es kommt immer, wenn ich denke, ich hätte etwas vergessen.“

Ein Atemzug. Zu nah. Als säße ihre Mutter mit dem Mund direkt an Neles Ohr.

„Vielleicht bist du es.“

Nele griff nach dem Türrahmen.

Die Kassette lief weiter.

„Nein. Das ist gemein. Streichen.“

Ein Klicken, als hätte ihre Mutter die Aufnahme stoppen wollen, es aber nicht getan.

„Ich wollte nur wissen, ob du den Ton auch hörst. Früher hast du ihn gehört. Du hast gesagt, er kommt aus der Wand hinter dem Spiegel. Ich habe gesagt, das ist der Kühlschrank.“

Eine kleine Pause.

„Der Kühlschrank stand in der Küche.“

Nele öffnete die Augen. Im Schrankspiegel gegenüber sah sie den Flur hinter sich: lang und gelblich, die Garderobe, die geschlossene Wohnungstür, den dunklen Spalt darunter, wie in jeder alten Wohnung.

Die Stimme ihrer Mutter wurde leiser.

„Ich habe die Batterien gewechselt. Wenn ich nicht mehr—“

Das Band zog sich. Der Ton verzerrte.

Dann summte es. Nicht auf der Kassette. Im Zimmer. Im Türrahmen. In ihren Zähnen.

Nele trat zurück. Einmal. Zweimal.

Im Flur begann das Telefon zu klingeln.

Jonas, dachte sie. Kein Druck.

Der Rekorder auf dem Kissen spielte weiter. Aus dem Rauschen kam noch einmal die Stimme ihrer Mutter, fast verdeckt.

„Nicht antworten, wenn es nach drei kurzen Tönen klingelt.“

Das Klingeln verstummte.

Das Summen auch.

Nele blieb im Türrahmen stehen und hörte, wie im Flur jemand den Hörer abhob.