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ChorDialogMelancholieStimme

Die zweite Stimme

In einem Gemeindesaal fehlt eine Stimme, und eine Frau muss entscheiden, ob ein falscher Anfang besser ist als gar keiner.

Der Gemeindesaal roch nach kaltem Kaffee, alten Notenmappen und dem Zitronenreiniger, mit dem jemand versucht hatte, den Winter aus dem Linoleum zu wischen. Auf den Fensterbänken standen drei Geranien, alle in verschiedenen Stadien von Beleidigung.

„Noch einmal ab Takt sieben“, sagte Hannes.

Achtzehn Menschen seufzten in unterschiedlichen Tonarten.

Nora hielt ihre Mappe zu fest. Die Kante drückte in den Ballen unter ihrem Daumen, dort, wo die Haut vom Umblättern trocken war. Sie stand in der zweiten Reihe, links neben Frau Bredow, die Pfefferminzbonbons nicht lutschte, sondern zermalmte. Vor ihr schaukelte Herr Kelm auf den Fußballen, obwohl niemand im Raum jünger wurde, wenn er es tat.

„Takt sieben ist der mit dem Einsatz“, sagte Hannes.

„Wir wissen, welcher Takt sieben ist“, sagte Frau Bredow.

„Das bezweifle ich liebevoll.“

Ein kleines Lachen lief durch den Saal und blieb an den Stuhlbeinen hängen.

Morgen sollten sie im Rathaus singen. Kein Konzert, sagte Hannes, eher eine musikalische Untermalung. Nora hasste dieses Wort. Untermalung klang, als würde man etwas überstreichen, das eigentlich gesehen werden wollte. Es ging um die Schließung des alten Hallenbads. Der Bürgermeister würde reden. Die Presse würde Fotos machen. Der Chor sollte drei Lieder singen, darunter „Bleib doch noch“, was Hannes für subtil hielt und alle anderen für Hannes.

„Wo ist Jutta?“, fragte Herr Kelm.

„Zu Hause“, sagte Hannes.

„Immer noch?“

„Nein, sie ist nur aus dramaturgischen Gründen nicht hier.“

„Hannes.“

Er legte den Bleistift quer über sein Pult. „Kehlkopfentzündung. Kein Ton. Sie schreibt mir auf Zetteln böse Dinge.“

„Dann fällt das Lied aus“, sagte jemand aus dem Bass.

Nora merkte, wie der Raum sich kurz entspannte. Nicht stark. Nur so, wie ein Hund die Ohren senkt, wenn der Staubsauger zurück in den Schrank kommt.

„Nein“, sagte Hannes. „Das Lied fällt nicht aus.“

Die Entspannung war weg.

Frau Bredow knackte ein Bonbon. „Jutta hat den Anfang.“

„Jutta hatte den Anfang.“

„Wer hat ihn jetzt?“

Hannes sah nicht sofort zu Nora. Das machte es schlimmer.

Er nahm die Stimmgabel vom Pult, schlug sie gegen sein Knie und hielt sie ans Ohr. Das A stand im Raum, dünn und sauber, als hätte es nichts mit Menschen zu tun.

„Nora kann die zweite Stimme“, sagte er.

„Nora kann alles, was sie nicht muss“, sagte Herr Kelm freundlich.

„Danke, Richard“, sagte Nora.

„War ein Kompliment.“

„War ein Unfall.“

Ein paar lachten. Nora auch, weil Lachen oft billiger war als eine Erklärung.

Hannes gab ihr das A. „Nur der Anfang. Vier Takte. Danach nimmt der Alt dich mit.“

„Der Alt nimmt niemanden mit“, sagte Frau Bredow. „Der Alt trägt die Möbel.“

„Dann tragt sie elegant.“

Nora schüttelte den Kopf. „Ich bin im Alt.“

„Heute bist du kurz darüber.“

„Ich bin nicht kurz darüber. Ich bin hier.“

„Hier ist nicht tief genug, um sich zu verstecken.“

Das war zu nah. Nicht wahrer als andere Sätze, nur frecher. Nora blätterte in ihrer Mappe, obwohl das Lied offen vor ihr lag. Auf dem Kopierblatt hatte jemand in der dritten Zeile das Wort bleib unterstrichen. Dreimal. Vielleicht Jutta, die immer mit lila Stift schrieb, als wollte sie dem Ernst keine schwarze Tinte gönnen.

„Ich kann den Einsatz nicht allein“, sagte Nora.

„Du kannst ihn.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Herr Kelm hob die Hand. „Ich könnte ihn singen.“

„Richard, du bist Bass.“

„Ich habe überraschende Höhen.“

„Die Stadt hat genug Probleme.“

Diesmal lachte Nora nicht. Sie sah zur Tür. Neben dem Ausgang hing der Fluchtplan, leicht schief, mit einem roten Punkt: Sie befinden sich hier. Jemand hatte darunter mit Kugelschreiber geschrieben: angeblich. Es war die Art Witz, die in Gemeindesälen überlebte, weil niemand sich zuständig fühlte.

„Wir können das Lied ersetzen“, sagte sie.

„Durch was?“

„Irgendwas ohne Anfang.“

„Jedes Lied hat einen Anfang.“

„Dann eine Pause.“

Hannes legte den Kopf schief. „Morgen stehen da Leute, die diesen Quatsch mit dem Bad noch einmal ordentlich verabschieden wollen. Wir geben ihnen keine Pause, nur weil Jutta klingt wie ein kaputter Wasserkocher.“

„Das ist jetzt aber sehr Dirigent.“

„Stimmt. Unangenehm.“

Frau Bredow räusperte sich. „Ich will morgen nicht neben einem Loch stehen.“

Nora drehte sich zu ihr. „Danke.“

„Ich meine das musikalisch.“

„Noch besser.“

„Kind, wenn Sie ein Loch machen, falle ich rein. Ich habe neue Schuhe.“

Nora sah auf Frau Bredows Schuhe. Beige, vernünftig, mit einem kleinen Absatz, der seit 1986 keine Überraschung zugelassen hatte.

„Einmal versuchen“, sagte Hannes. „Wenn es schlimm ist, sagen wir alle, es war Richard.“

„Das machen wir sonst auch“, sagte jemand.

Herr Kelm verbeugte sich.

Nora schlug die Mappe zu. Der Knall war zu laut. Er machte aus allen Gesichtern kurz Fenster.

„Ich sagte nein.“

Der Saal wurde still. Nicht die gute Stille vor Musik. Die andere, in der sogar die Heizung überlegt, ob sie sich einmischen soll.

Hannes nickte. Langsam. „Gut.“

Das war schlimmer als Drängen.

Er nahm seine Mappe. „Dann lassen wir den Anfang weg.“

„Wie soll das gehen?“, fragte Frau Bredow.

„Wir setzen bei Takt elf ein.“

„Das klingt amputiert.“

„Ja.“

Hannes schrieb etwas in seine Noten. Nora wusste nicht, ob er wütend war. Bei Hannes sah Wut aus wie Grammatik.

Sie probten Takt elf. Ohne Anfang kam das Lied falsch in die Welt. Es stand sofort im Raum, aber ohne Tür. Der Alt trug die Möbel, ja, nur wusste niemand wohin.

Nach dem dritten Versuch sagte Frau Bredow: „Das ist Quatsch.“

„Künstlerisch mutig“, sagte Herr Kelm.

„Quatsch“, wiederholte sie.

Nora spürte, wie alle nicht zu ihr sahen. Das war anstrengender als angeschaut werden.

Hannes hob die Hände. „Fünf Minuten Pause.“

Stühle kratzten. Thermoskannen wurden geöffnet. Jemand fragte nach Zucker, als sei Zucker ein Gerücht. Nora blieb stehen. Ihre Mappe hing an ihrer Hand.

Frau Bredow trat neben sie. „Sie atmen falsch.“

„Schön, dass wir zum Kern kommen.“

„Nicht beim Singen. Beim Nein sagen.“

„Wie atmet man denn richtig nein?“

„Vorher.“

Nora sah sie an.

Frau Bredow schob sich ein Bonbon in den Mund und sprach darum herum. „Wenn man erst atmet, während man nein sagt, klingt es wie eine Bitte.“

„Ich habe nicht gebeten.“

„Doch. Um Ruhe.“

Das war der zweite Satz an diesem Abend, der zu nah war. Nora wollte ihn zurückgeben, aber er hatte keine Adresse.

Von draußen kam ein Bus, bremste an der Haltestelle, ließ Luft ab. Für einen Moment klang der Saal, als würde er selbst ausatmen.

„Ich will nicht vorne stehen“, sagte Nora.

„Sie stehen zweite Reihe links. Das ist nicht vorne. Das ist feige mit guter Akustik.“

„Sie sind heute charmant.“

„Ich bin immer charmant. Die Welt hört nur schlecht.“

Hannes klopfte mit dem Bleistift ans Pult. „Weiter.“

Alle sortierten sich zurück. Herr Kelm summte etwas, das entweder Einsingen oder eine Beschwerde war.

Nora öffnete ihre Mappe. Bleib war dreimal unterstrichen.

„Ab Takt elf?“, fragte Hannes.

Niemand antwortete.

Nora hörte ihr eigenes Herz nicht. Nur Frau Bredows Bonbon, sehr klein, sehr hart zwischen den Zähnen.

„Ab Takt sieben“, sagte sie.

Hannes sah auf.

„Nur einmal“, sagte Nora.

„Natürlich“, sagte Hannes, und log dabei erstaunlich höflich.

Er gab ihr das A. Diesmal klang es nicht sauber. Oder sie hörte den Schmutz darin. Den Finger am Metall, den Schlag gegen Knochen, den winzigen Mut, den ein Ton braucht, um überhaupt anzufangen.

Nora atmete vorher.

Dann sang sie den ersten Ton zu tief.

Niemand fiel hinein. Frau Bredow hob die zweite Stimme darunter wie ein Brett unter einen wackeligen Tisch. Herr Kelm kam zu früh, was niemanden überraschte. Hannes ließ sie weiterlaufen. Aus dem falschen Anfang wurde kein richtiger. Aber er wurde einer.

Beim zweiten Durchgang traf Nora den Ton.

Beim dritten nicht.

„Das reicht“, sagte Hannes irgendwann.

„Das war nicht perfekt“, sagte Nora.

„Wir sind ein Stadtteilchor. Perfektion wäre Betrug.“

Frau Bredow schloss ihre Mappe. „Morgen atmen Sie vorher.“

„Morgen?“

„Ich trage keine neuen Schuhe für Takt elf.“

Draußen fuhr der Bus wieder an. Der Fluchtplan neben der Tür hing immer noch schief. Sie befinden sich hier, angeblich.

Nora blieb noch einen Moment stehen, als alle schon Jacken suchten und Tassen stapelten. Auf dem Kopierblatt sah das dreifach unterstrichene bleib nicht mehr aus wie eine Bitte. Eher wie eine dünne Stelle.

Hannes löschte das Licht über dem Pult.

Nora nahm die Mappe unter den Arm. Beim Hinausgehen summte sie den Anfang nicht. Sie hielt nur die Luft an, bis sie draußen war, und ließ sie neben der Bushaltestelle wieder los.