Die trockenen Sachen
Im Waschkeller kommt Wasser aus der Wand, und eine saubere Bluse muss entscheiden, wofür sie da ist.
Als im Keller das Wasser aus der Wand kam, stand Nela barfuß auf einer umgedrehten Getränkekiste und hielt ihre Arbeitsbluse über den Kopf.
Sie hatte die Kiste selbst umgedreht. Das war wichtig. In diesem Haus wurden Dinge sonst von anderen Leuten entschieden: welcher Müll nach links gehörte, warum Kinderwagen im Flur lebensgefährlich waren, ob jemand nach zwanzig Uhr noch schleudern durfte. Nela entschied heute: Kiste umdrehen, draufsteigen, Bluse retten.
Die Bluse tropfte trotzdem.
Aus dem Hahn über Waschmaschine drei kam kein Strahl, eher ein breites, ratloses Spucken. Das Wasser lief an den Fliesen herunter, sammelte sich in der Rinne vor den Maschinen und tastete sich Richtung Tür. Es hatte etwas Unhöfliches, wie es überall hinwollte.
„Haben Sie den Haupthahn zugedreht?“, rief Herr Faber von der Treppe.
„Ich sehe hier keinen Haupthahn“, sagte Nela.
„Der ist hinter der Holzplatte.“
„Welche Holzplatte?“
„Na die Holzplatte.“
Im Keller gab es sieben Holzplatten. Drei lehnten an der Wand, zwei lagen auf den Regalen, eine war als Regalboden verbaut und eine diente seit Jahren als Deckel für etwas, das niemand öffnete. Herr Faber kam nicht herunter, weil er Hausschuhe trug, die angeblich orthopädisch waren und in Wahrheit aussahen, als hätten sie ein eigenes kleines Leben aufgegeben.
„Ich komme“, sagte er und blieb stehen.
Neben Nelas Kiste vibrierte Maschine zwei. Ihre Trommel war dunkel, voll mit Handtüchern, die einer Familie im dritten Stock gehörten. Auf der Maschine lag ein Zettel: BITTE NICHT ANFASSEN, BABY. Jemand hatte darunter mit Kugelschreiber geschrieben: Das Baby oder die Wäsche?
Nela hasste solche Zettel. Nicht den Witz, der war okay. Sie hasste, dass sie immer aussahen, als hätte das Haus selbst eine Meinung.
Die Tür zum Fahrradkeller ging auf. Samir aus dem Erdgeschoss steckte den Kopf herein. Er trug einen Helm, obwohl sein Fahrrad neben ihm stand.
„Oh“, sagte er. „Das ist nicht wenig.“
„Danke für die Messung.“
Er grinste, kam aber sofort rein, Schuhe ins Wasser, ohne Drama. Das mochte Nela an ihm und fand es verdächtig. Menschen, die sofort halfen, wollten später oft reden.
„Hahn hinter Holzplatte?“, fragte sie.
„Natürlich“, sagte Samir. „Wo sonst bewahrt ein vernünftiges Haus seine Adern auf?“
Sie arbeiteten sich durch die Platten. Hinter der ersten: ein Eimer mit eingetrockneter Farbe. Hinter der zweiten: drei Besenstiele ohne Besen. Hinter der dritten: ein Spinnennetz, so ordentlich, dass Nela sich kurz entschuldigen wollte.
Von oben rief Herr Faber: „Nicht die große Platte!“
„Dann sagen Sie klein, mittel oder religiös“, rief Samir zurück.
Die große Platte war es. Dahinter saß ein rotes Rad, fest und feucht, als habe es schon vor Jahren beschlossen, nie wieder etwas mit Menschen zu tun zu haben. Samir legte beide Hände daran und drehte. Nichts. Nela stieg von der Kiste. Das Wasser war kalt zwischen ihren Zehen. Sie hielt die Bluse jetzt vor der Brust.
„Lassen Sie“, sagte Samir. „Die ist sauber.“
„Noch.“
Oben erschien Frau Demir mit einem Stapel Töpfe. Hinter ihr ihre Tochter, vielleicht sechs, mit einer Salatschüssel auf dem Kopf.
„Mama sagt, ich bin die Sirene“, sagte das Kind.
„Dann mach Geräusch“, sagte Frau Demir.
Das Kind machte ein Geräusch, das keinem Unfall half, aber die Lage immerhin offiziell machte.
Sie bildeten eine Kette. Samir füllte Töpfe, Nela reichte sie weiter, Frau Demir trug sie zur Kellertür, wo Herr Faber sie entgegennahm und in den Gully vor dem Haus goss. Nach dem dritten Topf sagte er, sein Rücken. Nach dem vierten machte Frau Demir ein Gesicht, und er sagte nichts mehr.
Nela stand wieder auf der Kiste. Nicht wegen der Füße. Wegen der Bluse. Morgen um neun sollte sie im Café am Markt Probearbeit machen. Schwarze Hose, weiße Bluse, freundliches Gesicht. Sie konnte Kaffee. Sie konnte freundlich. Sie konnte auch beides gleichzeitig, wenn niemand sagte, sie solle einfach sie selbst sein.
Die Bluse hatte am Kragen einen kleinen grauen Schatten, den man nur sah, wenn man wusste, wo er war. Nela wusste es. Sie hatte ihn morgens beim Bügeln gesehen und beschlossen, dass die Welt groß genug sein musste für einen Schatten am Kragen.
„Der Hahn bewegt sich nicht“, sagte Samir.
„Dann treten Sie ihm gut zu“, sagte Herr Faber von draußen.
„Es ist ein Hahn, kein politisches Gespräch.“
Frau Demir lachte so kurz, dass es fast ein Husten war.
Das Wasser stieg nicht dramatisch. Es stieg beleidigend. Es berührte den unteren Rand eines Kartons auf dem Regal gegenüber. SOMMER stand darauf in schwarzem Filzstift. Der Karton sog sich sofort dunkel.
„Wem gehört der?“, fragte Nela.
Niemand antwortete.
Natürlich.
Sie stieg von der Kiste, stellte die Bluse auf die trockene Getränkekiste und griff nach dem Karton. Er war schwerer, als Sommer sein sollte. Samir nahm ihn ihr ab. Der Boden gab nach. Aus dem Karton rutschten Schwimmflügel, ein kaputter Ventilator, drei Strandmuscheln aus Plastik und ein gerahmtes Foto, das mit dem Gesicht nach unten ins Wasser fiel.
Das Kind hob es auf.
„Da ist jemand im Meer“, sagte es.
„Leg es auf die Maschine“, sagte Frau Demir.
Das Kind legte es auf Maschine zwei neben den Zettel vom Baby. Das Foto zeigte einen Mann mit Sonnenbrand, eine Frau mit schiefem Hut und zwei Jungen, die beide so taten, als wollten sie nicht fotografiert werden. Nela kannte keinen davon. Die nasse Ecke reichte.
Samir bekam das rote Rad endlich einen halben Finger breit bewegt. Das Spucken aus der Wand wurde dünner, dann wieder breiter.
„Es braucht Stoff“, sagte Frau Demir.
„Was?“
„Umwickeln. Hier.“ Sie zeigte auf die Stelle unter dem Hahn, wo das Wasser seitlich herausschoss. „Bis Klempner kommt.“
„Ich hole ein Handtuch“, sagte Samir.
„Maschine zwei ist zu“, sagte Nela.
Alle sahen auf Maschine zwei. BITTE NICHT ANFASSEN, BABY.
„Dann eins von oben“, sagte Frau Demir.
„Bis dahin schwimmt Ihr Sommer weg“, sagte Herr Faber, der plötzlich wieder eine Meinung hatte.
Nela nahm ihre Bluse von der Kiste.
„Nein“, sagte Samir sofort.
Das ärgerte sie. Nicht weil er unrecht hatte. Weil er schneller freundlich war, als sie entscheiden konnte.
„Halten Sie das Rad“, sagte sie.
„Nela.“
Sie wusste nicht, wann er ihren Namen gelernt hatte. Wahrscheinlich vom Briefkasten. Das war das Gemeine an Häusern: Sie verrieten einen in ordentlicher Schrift.
Die Bluse war noch warm vom Trockner. Oder sie bildete sich das ein. Sie drehte sie zusammen, einmal, zweimal, bis sie kein Kleidungsstück mehr war, sondern ein Strang. Der Kragen mit dem grauen Schatten verschwand innen.
Samir hielt das Rad. Frau Demir hielt die Taschenlampe ihres Handys, obwohl das Kellerlicht brannte. Das Kind hatte aufgehört, Sirene zu sein.
Nela wickelte die Bluse um das Rohr. Beim ersten Versuch rutschte sie ab. Beim zweiten saugte sie sich sofort voll, schwer und durchsichtig. Beim dritten zog Samir den Knoten fest. Das Wasser sprühte noch, aber es sprühte nach unten, in den Eimer, den Frau Demir daruntergeschoben hatte.
Für einen Moment hörte man nur Tropfen, Maschine zwei und Herrn Faber draußen, wie er einen Topf abstellte und so tat, als sei das Geräusch ein Beitrag.
„Morgen kann ich Ihnen eine bringen“, sagte Frau Demir. „Meine Schwester hat im Laden welche. Weiß. Nicht schön, aber weiß.“
„Ich brauche nicht schön“, sagte Nela.
Das klang zu offen. Sie bückte sich nach einem Schwimmflügel.
Samir nahm das Foto von der Maschine. Das Wasser hatte die Gesichter weich gemacht. Der Mann mit Sonnenbrand hatte jetzt kein rechtes Ohr mehr.
„Faber?“, fragte er.
Herr Faber kam bis zur Tür. Als er das Foto sah, wurde sein Gesicht klein, aber nicht weich.
„Ach“, sagte er.
Niemand fragte. Das war anständig oder feige. In Häusern war das oft dasselbe.
Maschine zwei piepte. Fertig. Alle sahen hin.
„Nicht anfassen, Baby“, sagte das Kind pflichtbewusst.
Frau Demir stellte die Salatschüssel auf das Regal. „Ich rufe jetzt die Nummer am Schwarzen Brett an.“
„Die ist alt“, sagte Herr Faber.
„Dann rufe ich sie laut.“
Nela lachte. Es kam überraschend und hässlich heraus, wie ein Stuhl, der über Fliesen gezogen wird. Ihr war kalt. Ihre Füße waren rot. Am Rohr hing ihre Bluse und tat eine Arbeit, für die sie nicht gekauft worden war.
Samir zog seinen Hoodie aus.
„Nein“, sagte Nela.
„Ich habe darunter noch ein T-Shirt.“
„Das ist nicht der Punkt.“
„Ich weiß.“
Er hielt ihr den Hoodie hin. Er war grau, mit einem Fahrradladenlogo, an dem ein Buchstabe fehlte. Kein Witz, nur Wäscheverschleiß.
Nela nahm ihn nicht. Noch nicht.
Das Wasser im Eimer schlug leise gegen Plastik. Oben im Treppenhaus klingelte irgendwo ein Telefon, zu lang, dann wieder. Frau Demir begann zu schimpfen, freundlich zuerst, dann professionell. Herr Faber stand mit dem nassen Foto in der Hand da und sah nicht mehr zur Treppe.
Nela trat von der Kiste herunter. Das Wasser reichte ihr bis über die Knöchel. Sie nahm den Hoodie.
„Nur bis morgen“, sagte sie.
Samir nickte.
„Oder bis er trocken ist“, sagte das Kind.
Das war vernünftiger, als Nela erwartet hatte. Sie zog den Hoodie über. Er roch nach Regen, Metall und einem Deo, das zu jung für ihn war.
Maschine zwei piepte wieder. Niemand rührte sie an.