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KurzgeschichteMelancholieKleingartenSubtext

Die Leiter

Nachts im Kleingarten trägt Nora eine geliehene Leiter zurück und merkt, dass manche Entschuldigungen schwerer sind als Aluminium.

Der Regen hatte aufgehört, aber er hing noch überall herum.

Nora merkte es an den Ärmeln ihrer Jacke, an den feuchten Knien der Jeans, an dem Geruch von Erde, der aus den Beeten kam. Hinter den Lauben tropfte Wasser von den Dachrinnen in Tonnen. Alle paar Sekunden ein anderer Ton. Nicht Musik, eher eine unentschlossene Werkstatt.

Sie trug die Leiter quer vor dem Bauch.

Aluminium, sechs Sprossen, gelber Aufkleber mit Warnpiktogrammen, die niemand ansah, solange er nicht fiel. Das Ding war leichter, als es aussah, und unangenehmer. Immer wenn Nora dachte, sie hätte das Gleichgewicht, schlug ein Ende gegen den Maschendrahtzaun oder zog ihr die Schulter nach vorn.

„Nur kurz“, hatte sie gesagt, als sie sie sich geliehen hatte.

Das war vor elf Tagen gewesen.

Jetzt war es dreiundzwanzig Uhr acht, und im Kleingartenverein Abendfrieden brannte nur noch über dem Vereinsheim eine Lampe. Sie machte einen milchigen Kreis auf den Weg und ließ alles außerhalb davon verdächtig aussehen. Nora blieb am Rand des Kreises stehen. Die Leiter ragte links in einen Holunderbusch und rechts fast in die Regentonne von Parzelle 18.

Auf dem Tor zum Vereinsheim klebte ein Zettel: Samstag Arbeitseinsatz. Bitte eigene Handschuhe mitbringen. Jemand hatte darunter mit Kugelschreiber geschrieben: und eigene Ausreden.

Das war dumm genug, um echt zu sein.

Nora setzte die Leiter ab. Ihre Handflächen waren schwarz von Metallabrieb. Der Mond tat so, als gehöre er nicht dazu.

Sie hätte bis morgen warten können. Tagsüber zurückstellen, einfach an Klaus’ Laube lehnen, vielleicht mit einem Zettel: Danke. Entschuldige. Sie hätte auch gar nichts schreiben können. Geliehene Dinge fanden manchmal allein nach Hause, wenn man ihnen genug Zeit gab und niemand zu genau fragte.

Aber morgen war Samstag, Arbeitseinsatz, und Klaus würde da sein, mit seiner Thermoskanne und dem blauen Zollstock in der Brusttasche, als müsse jeden Moment jemand die Welt nachmessen. Er würde nicht schimpfen. Das war das Problem. Er würde „Alles gut“ sagen, und dann an der Leiter prüfen, ob Farbe dran war, Dellen, ein verbogenes Gelenk. Nicht vorwurfsvoll. Sorgfältig.

Nora hob die Leiter wieder an.

Der Weg zu Parzelle 23 war schmaler geworden, seit sie ihn vor elf Tagen gegangen war. Brennnesseln standen da, wo vorher keine gewesen sein konnten. Nora machte einen zu großen Schritt, die Leiter kippte, und das hintere Ende riss ein Stück Plastikfolie von einem Tomatendach.

„Mist.“

Ihre Stimme klang klein zwischen den Hütten.

Sie wartete. Niemand kam heraus. Kein Fenster wurde hell. Nur irgendwo schlug ein lockerer Haken gegen Metall.

Nora fummelte die Folie zurück über den Drahtbogen. Sie hielt nicht. Sie nahm eine Wäscheklammer aus der Kiste daneben, eine rote, die schon einmal gebrochen und mit Klebeband wieder zusammengehalten worden war. Damit hielt es. Nicht gut. Aber besser als vorher war eine Kategorie, in der sie sich auskannte.

An Parzelle 21 hing ein Windspiel aus alten Löffeln. Nora blieb mit der Leitersprosse daran hängen. Ein Löffel fiel in den nassen Mangold.

Sie bückte sich und fischte ihn heraus. Der Löffel war schwer vom Regen. Auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift: RITA.

Nora hängte ihn wieder an den Draht. Falsch herum. Dann richtig herum. Dann so, dass er ungefähr da hing, wo er vorher gewesen war. Man konnte sehr viel Lebenszeit damit verbringen, Dinge ungefähr zurückzuhängen.

Ihr Handy vibrierte in der Jackentasche.

Sie wusste, wer es war, ohne nachzusehen. Paul schrieb seit einer Woche abends Sätze, die wie Türen aussahen und Wände waren.

Bist du wach?

Nora ließ das Handy in der Tasche.

Bei Parzelle 23 stand Klaus’ Laube dunkel und ordentlich. Sogar im Dunkeln sah sie aus, als hätte sie eine Meinung zu Unkraut. Vor der Tür standen zwei Gummistiefel gerade nebeneinander. Unter dem Vordach hing ein Froschthermometer. Zwölf Grad, persönlich enttäuscht.

Nora lehnte die Leiter an die Wand.

Zu laut.

Das Metall schlug gegen Holz, ein kurzer, heller Ton, und sie erstarrte. Hinter der Gardine bewegte sich nichts. Klaus schlief vielleicht zu Hause, nicht hier. Natürlich schlief er zu Hause. Niemand schlief im Juni in einer Laube, nur weil eine Leiter fehlte. Oder doch.

Sie rückte die Leiter zurecht. Exakt an die Stelle, von der sie sie genommen hatte, glaubte sie. Neben die Regentonne, unter den Dachüberstand. Die Füße auf zwei Waschbetonplatten. Sie prüfte mit der Hand, ob sie kippelte.

Sie kippelte.

Nora zog sie wieder weg, fand einen flachen Stein und schob ihn unter den rechten Fuß. Darunter war kurz eine Assel gewesen, beleidigt und lebendig. Jetzt stand die Leiter still.

Im Vordach hing Klaus’ Schlüsselbrett, leer bis auf einen krummen Haken mit der Aufschrift Laube.

Ihr Handy vibrierte wieder.

Ich will nur wissen, ob du meine Nachricht gelesen hast.

Das war ein Satz, der sich selbst verriet. Nur wissen. Nur kurz. Nur eine Leiter.

Nora nahm das Handy heraus. Der Bildschirm war zu hell und machte ihre Finger alt. Sie tippte: Ja.

Dann löschte sie es.

Sie tippte: Nicht jetzt.

Löschte auch das.

Neben Klaus’ Tür stand eine Gießkanne, grün, mit abgebrochener Brause. Sie war bis zum Rand voll Regenwasser. In der Oberfläche lag der helle Fleck ihres Gesichts, unruhig und ohne nützliche Auskunft.

Nora stellte das Handy auf Flugmodus.

Der ganze Himmel voller Signale, und sie tat so, als könne ein kleiner Schalter Wetter machen. Trotzdem wurde es stiller.

Sie wollte gehen. Sie hatte die Leiter zurückgebracht. Stattdessen sah sie, dass am Fenster ein Spalt offen war. Nur zwei Finger breit. Regen konnte hineinkommen, wenn der Wind drehte.

Natürlich ging sie nicht hinein.

Sie zog am Fensterrahmen. Es klemmte. Sie zog stärker. Innen fiel etwas um. Ein dumpfer Laut, nicht zerbrechend, eher müde. Nora hielt den Atem an. Dann schob sie das Fenster zu, bis der Riegel schnappte.

Durch die Scheibe sah sie kaum etwas. Einen Tisch. Eine Tasse. Eine Zeitung, aufgeschlagen. Auf dem Stuhl eine Jacke.

Auf der Fensterbank lag ein Umschlag. Nicht versteckt. Nicht wichtig genug, um versteckt zu sein. Ihr Name stand darauf.

NORA.

Großbuchstaben, Kugelschreiber, Klaus’ ordentliche Druckschrift. Kein Nachname. Als gäbe es in dieser Kolonie nur eine.

Sie hätte ihn liegen lassen sollen. Innen war Klaus’ Bereich. Außen war die Leiter. Gerade hatte sie schon eine Grenze mit dem Fenster beleidigt.

Nora nahm den Umschlag trotzdem.

Er war nicht zugeklebt. Darin lag kein Brief, sondern ein kleiner Zettel aus kariertem Papier.

Wenn du sie zurückbringst, stell sie bitte unter den Dachüberstand. Sonst läuft Wasser in die Gelenke.

Darunter stand: Kein Stress.

Sonst nichts.

Nora las es zweimal. Beim zweiten Mal wurde nichts größer. Das machte es schlimmer. Es gab nur den Zettel und den Regen, der wieder anfing, sehr fein, fast höflich.

Sie faltete das Papier zurück, steckte es in den Umschlag und legte ihn auf die Fensterbank. Innen. So gut es ging durch den Spalt, den es nicht mehr gab. Der Umschlag blieb zwischen Rahmen und Scheibe hängen, halb draußen, halb drinnen.

„Na super“, sagte Nora.

Sie versuchte, ihn mit dem Fingernagel weiterzuschieben. Er knickte. Ein weißer, sauberer Knick durch ihren Namen.

Dann ließ sie ihn so.

Auf dem Rückweg trug sie nichts. Das war nicht leichter, nur anders. Bei Parzelle 21 klirrten die Löffel. Bei Parzelle 18 hielt die rote Klammer die Tomatenfolie. Auf dem Vereinsheimzettel glänzte die Kugelschreiberschrift.

Am Tor blieb Nora stehen und schaltete den Flugmodus aus.

Das Handy sammelte die Welt nach. Drei Nachrichten von Paul, eine Wetterwarnung, ein Sonderangebot für Laufschuhe. Sie öffnete Pauls Chat nicht. Stattdessen schrieb sie Klaus.

Leiter steht unter dem Dach. Fenster war offen, ist jetzt zu. Tut mir leid wegen der elf Tage.

Sie starrte auf den Satz. Er war hässlich und vollständig genug. Dann schickte sie ihn ab, bevor er schöner werden konnte.

Der Haken irgendwo im Gelände schlug weiter gegen Metall. Nora schob das Tor auf. Es quietschte, und diesmal versuchte sie nicht, leise zu sein.