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JackeUmwegStadtZuständigkeit

Die gelbe Jacke

Eine gelbe Kinderregenjacke zwingt Rieke zu einem Umweg, der kleiner ist als eine Rettung und größer als ihr lieb ist.

Als Rieke die gelbe Kinderregenjacke auf ihrem Fahrrad fand, war sie schon zu spät.

Die Jacke hing über dem Lenker, klein, glänzend, mit einer Kapuze wie ein eingeklappter Schnabel. Auf der Brust stand in dunkelblauen Buchstaben: LEO. Das O war mit Edding zu einer Sonne gemacht worden, unordentlich, mit zu vielen Strahlen. Jemand hatte sich Mühe gegeben und dann keine Lust mehr gehabt.

Rieke stellte ihren Kaffeebecher auf den Briefkasten im Hausflur und zog die Jacke vom Lenker. Sie tropfte nicht. Sie war nicht frisch verloren. Im linken Ärmel steckte ein Kastanienblatt, braun und nass, obwohl es Juni war.

„Nicht meins“, sagte Rieke.

Der Hausflur antwortete nicht. Er roch nach Stein und nassen Schuhen.

Sie hätte die Jacke an den Haken neben den Briefkästen hängen können. Dort hingen ohnehin Dinge, die niemandem mehr gehören wollten: ein Fahrradschlüssel ohne Fahrrad, eine Wollmütze mit Bommel, ein Zettel mit BITTE KEINE WERBUNG, obwohl er selbst Werbung für Verzweiflung machte. Aber auf der Innenseite der Jacke war ein Etikett. Kita Möwennest, Gruppe Blau.

Rieke kannte die Kita. Zwei Straßen weiter, hinter dem Spielplatz mit dem schiefen Piratenschiff. Sie musste sowieso in diese Richtung. Fast. Wenn sie nicht den kurzen Weg nahm. Wenn sie nicht tat, was sie meistens tat.

Sie stopfte die Jacke in ihren Rucksack. Der Reißverschluss ging nicht ganz zu. Ein gelber Zipfel blieb draußen wie eine Zunge.

Draußen war der Himmel zu niedrig. Die Stadt hatte diesen Samstagmorgen-Gesichtsausdruck, als hätte sie verschlafen und wolle es allen anderen anhängen.

An der ersten Ampel griff sie nach ihrem Handy, ließ es aber in der Tasche. Sie wusste nicht genau, was dort stand. Nur von wem es wäre.

Die Jacke drückte gegen ihren Rücken.

Vor dem Späti saß ein Hund, angeleint an einen Bierkasten. Er trug ein rotes Halstuch und sah aus, als hätte er früher Entscheidungen getroffen. Rieke blieb stehen, weil der Hund die gelbe Ecke ihres Rucksacks beschnupperte.

„Kinderjacke“, sagte sie.

Der Hund blinzelte.

„Nicht meine.“

„Sagt man immer“, sagte der Spätibesitzer, der gerade Kisten nach draußen zog.

Rieke hob eine Hand, halb Gruß, halb Einspruch. Der Mann grinste. Zwischen seinen Schneidezähnen fehlte ein Stück, oder es war einfach Schatten.

Am Spielplatz war das Piratenschiff mit Absperrband umwickelt. Jemand hatte auf das Schild BETRETEN VERBOTEN ein L geklebt: BETTELN VERBOTEN. Darunter saß trotzdem ein Kind im Sand und füllte seinen Schuh mit Kies.

Rieke ging schneller.

Die Kita lag hinter einer Hecke, die zu ordentlich geschnitten war, um freundlich zu sein. Am Tor hing ein laminiertes Blatt: Heute Sommerfest! Bitte Geschirr mitbringen! Auf dem Hof standen Bierbänke, bunte Wimpel, ein Planschbecken ohne Wasser. Ein Mann befestigte einen Lautsprecher an einem Baum und fluchte leise gegen Kabelbinder.

Rieke blieb vor dem Tor stehen. Es war geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Durch die Gitter sah sie kleine Stiefel in Reihen, Matschhosen, eine Kiste mit Kreide.

Sie hätte klingeln können.

Stattdessen nahm sie die Jacke aus dem Rucksack und hängte sie über das Tor. LEO leuchtete gegen die Hecke. Der Sonnenkranz um das O sah plötzlich frech aus, fast vorwurfsvoll.

„Da kommst du weg“, sagte Rieke.

„Wer?“

Hinter ihr stand ein Junge mit einem Pappdrachen unter dem Arm. Der Drache hatte nur ein Auge. Das andere war mit Tesafilm überklebt.

„Die Jacke. Gehört Leo.“

„Ich bin Leo“, sagte der Junge.

Natürlich, dachte Rieke. Natürlich war die Stadt so klein und so unverschämt.

Leo sah die Jacke an, dann Rieke. „Die ist von Timo.“

„Timo heißt Leo?“

„Nee. Mama schreibt immer Leo rein, weil sie die Jacke nicht umbenennen will.“

Rieke nickte, als sei das eine Frage von hoher Tragweite. „Dann nimmst du sie mit rein?“

Leo schüttelte den Kopf. „Ich hab den Drachen.“

„Der ist aus Pappe.“

„Trotzdem.“

Der Junge hatte diese Ruhe, die Kinder manchmal haben, wenn sie Erwachsene in einer Lüge erwischen.

Riekes Handy vibrierte. Einmal. Dann noch einmal. Sie nahm es nicht heraus.

„Du kannst klingeln“, sagte Leo.

„Kann ich.“

„Frau Behrens macht auf.“

„Kenn ich nicht.“

„Die macht trotzdem auf.“

Rieke fasste das Tor an. Das Metall war kalt, obwohl es Sommer war. Auf der anderen Seite stolperte der Mann mit dem Lautsprecher über sein eigenes Kabel und sagte ein Wort, das im Kindergarten vermutlich nur als Tiername durchging.

Leo sah auf die Jacke.

„Wenn die hier hängt, nimmt Herr Matzke sie für die Wasserschlacht.“

„Wer ist Herr Matzke?“

„Der mit dem Kabel. Der nimmt alles.“

Das war kein moralischer Satz. Das war Logistik. Rieke konnte damit schlechter streiten.

Sie zog die Jacke wieder vom Tor und hielt sie ihm hin.

Leo hob den Drachen etwas höher. „Keine Hand.“

Also trug Rieke die Jacke durch das Tor. Der Hof roch nach nassem Holz, Sonnencreme und Apfelschorle. Frau Behrens war leicht zu erkennen, weil sie ein Klemmbrett hielt und aussah, als habe sie seit 1998 niemand mehr ohne Grund angesprochen. Rieke gab ihr die Jacke.

„Gefunden?“, fragte Frau Behrens.

„Auf meinem Fahrrad.“

„Ach“, sagte Frau Behrens. „Dann hat Timo sie wieder jemandem geschenkt.“

„Geschenkt?“

„Er verteilt Sachen, wenn er nicht kommen will.“

Frau Behrens sagte es ohne Drama, eher wie: Er malt gern Kreise. Dann faltete sie die Jacke ordentlich zusammen. Das Etikett verschwand.

Rieke wollte fragen, warum Timo nicht kommen wollte. Sie fragte es nicht. Es gab Fragen, die sofort Möbel im Raum wurden.

Das Handy vibrierte wieder. Sie zog es heraus.

KARO: Ich bin in der Nähe. Kein Überfall. Nur falls du Kaffee kannst.

Darunter:

KARO: Wenn nicht, auch gut. Wirklich.

Dieses Wirklich war das Schlimmste. Nicht weil es falsch war. Weil es ihr die Tür offenhielt und nicht einmal den Fuß hineinstellte.

Leo versuchte, seinen Drachen auf eine Bierbank zu stellen. Der Pappkopf fiel um. Frau Behrens rief: „Nicht auf die Bank, die ist für Kuchen!“ Herr Matzke hielt den Lautsprecher fest, als müsse er ihn vom Springen abhalten. Dann knackte es, und ein Kinderlied über einen Hai mit Familienanschluss schoss viel zu laut über den Hof. Alle Erwachsenen hielten für eine Sekunde still, als hätte man sie beim Denken erwischt.

Rieke tippte: Bin gleich da.

Sie löschte es.

Sie tippte: Kaffee ja. Zehn Minuten.

Das sah übertrieben tapfer aus. Sie löschte nur das Ja nicht.

Kaffee. Zehn Minuten.

Sie schickte es ab, bevor der Satz sich entschuldigen konnte.

Leo kam zu ihr, jetzt ohne Drachen. „Du musst dein Geschirr abgeben.“

„Ich hab keins.“

Er sah sie mit echtem Mitleid an. „Dann kriegst du nachher keinen Kuchen.“

„Das Risiko muss ich tragen.“

„Kannst von mir was abbeißen“, sagte Leo. Dann rannte er weg, weil Herr Matzke gerade den Gartenschlauch suchte.

Rieke blieb noch einen Moment am Rand des Hofes stehen. Die gelbe Jacke lag auf einem Stuhl neben dem Klemmbrett, sorgfältig gefaltet, als hätte sie nie jemandem gehört, der Dinge verschenkte, um nicht irgendwo hineinzugehen.

Auf dem Weg zum Tor summte ihr Handy in der Hand.

KARO: Ich bestell dir einen.

Rieke steckte es nicht weg. Sie ging mit dem leuchtenden Display durch den Lärm, am Planschbecken vorbei, an der Hecke entlang. Hinter ihr rief jemand: „Wer hat die Becher?“ und Leo rief: „Nicht ich!“, viel zu früh.

Am Tor blieb der gelbe Zipfel nicht mehr an ihr hängen.