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KurzgeschichteMelancholieHandwerkSubtext

Die Farbe nach Augenmaß

Im Baumarkt soll Jana ein altes Weiß treffen, das der Scanner nicht begreift und das trotzdem genau genug sein muss.

Um elf zweiundvierzig begann die Mischmaschine, sich selbst zu reinigen.

Jana sah auf die Uhr über den Gartenschläuchen und dann auf das Display, das mit der Ruhe eines Geräts blinkte, dem menschliche Reihenfolgen egal waren. REINIGUNG AKTIV. BITTE WARTEN. In dem kleinen Plastikbecher unter den Düsen sammelte sich ein beleidigtes Blau.

„Natürlich jetzt“, sagte sie.

Der Farbenservice stand zwischen Tapetenrollen und einer Wand voller Musterkarten, die alle Weiß sein wollten und sich dafür erstaunlich viel einbildeten. Polarweiß. Kreideweiß. Schneestille. Jana hatte einmal gezählt: siebenunddreißig Sorten Weiß, und keine hieß Mietwohnung um halb zehn abends.

Udo, der Abteilungsleiter, schob einen Wagen mit Malervlies vorbei. „Maschine macht Maschine-Sachen.“

„Danke für die Fortbildung.“

Er hob zwei Finger, ohne sich umzudrehen.

Der Mann kam, während die Reinigung noch lief. Anfang dreißig vielleicht, vielleicht älter; Baumarktlicht machte aus allen Gesichtern eine ungünstige Vermutung. Er trug ein Stück Holz in Zeitungspapier gewickelt, so vorsichtig, als wäre es warm.

„Ich brauche genau diese Farbe“, sagte er.

Jana wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Von was reden wir?“

Er legte das Holz auf den Tresen. Es war ein schmaler Streifen von einem Türrahmen, auf der Vorderseite altweiß, auf der Rückseite rohes Holz mit kleinen Bleistiftstrichen. Jana sah nur einen Namen, halb von seinem Daumen verdeckt. Mila oder Mira. Eine Zahl daneben. Er zog den Daumen nicht weg.

„Der Scanner braucht eine flache Stelle“, sagte Jana.

„Die ist flach.“

„Nicht für den Scanner.“

Das Gerät piepte, als hätte es sich angesprochen gefühlt. REINIGUNG BEENDET. PROBE EINLEGEN.

Hinter dem Mann blieb ein Kind vor den Musterkarten stehen und fragte: „Mama, warum gibt es so viele Weiße?“

„Damit man sich falsch entscheiden kann“, sagte die Mutter und zog es weiter.

Jana musste kurz lachen. Der Mann nicht. Er sah auf den Holzstreifen. An seinen Fingernägeln klebte heller Staub, in der Falte seiner Jacke eine dünne Linie Putz.

„Wie viel brauchen Sie?“

„So wenig wie geht.“

„Der kleinste Eimer sind siebenhundertfünfzig Milliliter.“

Er nickte. „Es ist nur eine Stelle.“

„Dann bleibt was übrig.“

„Ja.“

Mehr gab er nicht her. Menschen im Baumarkt konnten sehr verschwiegen werden, sobald sie vor Farben standen. Bei Schrauben erzählten sie alles.

Jana legte den Holzstreifen unter den Scanner. Das Display dachte lange nach und schlug POLARWEISS 9010 vor. Das war so falsch, dass es schon beleidigend war. Sie drehte den Streifen, probierte die Kante, probierte eine Stelle neben einem abgeplatzten Lackpunkt. Das Gerät piepte jedes Mal entschlossen und wurde nicht klüger.

Udo blieb am Ende des Tresens stehen. „Nur Systemfarben, Jana. Keine Kunst.“

„Ich male kein Einhorn.“

„Auch keine Haftungsfälle.“

Der Mann sah zwischen ihnen hin und her. „Wenn es nicht exakt ist, sieht man es.“

„Wenn Sie die ganze Wand streichen, sieht man es weniger“, sagte Udo.

Der Mann legte die Hand auf die Rückseite des Streifens. „Die ganze Wand geht nicht.“

Jana nahm drei Musterkarten aus der Wand, hielt sie an den Streifen, verwarf sie sofort wieder. Im Neonlicht passte alles fast. Neon war ein schlechter Freund. Jana ging mit dem Holz zur Automatiktür.

„Tresen bleibt besetzt“, rief Udo.

„Er hält durch.“

Draußen vor dem Eingang standen Paletten mit Blumenerde in der Sonne. Der Juni war hell und unentschieden. Neben der Tür rauchte ein Mann in Warnweste und betrachtete eine Hortensie, als habe sie ihn enttäuscht. Jana hielt den Holzstreifen ins Tageslicht.

Das Weiß war gar nicht weiß. Es hatte einen Rest Gelb, einen Hauch Grau, etwas von Küche, etwas von Heizungsluft, vielleicht Nikotin, aber nicht genug, um jemanden zu beschuldigen.

Als sie zurückkam, stand der Mann noch genauso da. Seine Hand lag über den Bleistiftstrichen.

„Und?“

„Der Scanner ist beleidigt.“

„Aber Sie?“

Sie hätte sagen können: Genau wird es nie. Das stimmte und half nicht.

„Ich kann es versuchen.“

Udo machte hinter ihr ein Geräusch, das aus Chef und Schnupfen bestand.

Jana stellte einen kleinen Eimer Basisweiß unter die Düsen und gab eine Systemfarbe ein, die wenigstens in die richtige Gegend log. Dann stoppte sie, bevor die Maschine startete. Sie nahm die Flasche mit Umbra aus dem Regal für manuelle Abtönung, tippte mit einem Holzstäbchen hinein und rührte den winzigen Dreck in den Eimer. Einmal. Noch einmal, weniger. Dazu Gelbocker, kaum sichtbar. Das Schwarz ließ sie stehen.

„Das ist nicht hinterlegt“, sagte Udo.

„Noch nicht.“

„Wenn er reklamiert—“

„Dann hat er meinen Namen.“

Der Mann sagte nichts.

Die Mischmaschine nahm den Eimer und begann zu rütteln. Der Lärm füllte die Abteilung, ein trockenes, eckiges Schlagen. Musterkarten vibrierten an ihren Haken. Das Kind von eben hielt sich die Ohren zu und lachte. Jana mochte den Moment beim Mischen, weil niemand dabei etwas Kluges sagen konnte.

Als der Eimer fertig war, strich sie mit einem Pinsel eine dünne Spur auf ein Stück Karton und föhnte sie trocken. Farbe log, solange sie nass war. Trocken log sie genauer.

Der erste Strich war zu brav.

Jana sah es sofort. Der Mann sah es auch, sagte aber: „Vielleicht reicht es.“

Das war der gefährlichste Satz im ganzen Sortiment.

Sie öffnete den Eimer wieder.

„Jana“, sagte Udo.

„Ich weiß.“

Diesmal nahm sie doch Schwarz, aber nur mit der Spitze des Stäbchens, so wenig, dass man es eher behaupten als sehen konnte. Der zweite Strich auf dem Karton verschwand nicht im Holzton. Er blieb da, aber er schrie nicht.

Der Mann atmete aus. Nicht erleichtert. Eher, als hätte ihm jemand erlaubt, eine Kiste kurz abzusetzen.

„Es wird beim Trocknen heller?“

„Ein bisschen. Und Ihre Wand ist nicht hier.“

„Stimmt.“

Sie druckte kein sauberes Etikett. Das System wollte einen Namen für die Mischung. Jana tippte ALTWEISS MANUELL, löschte es wieder und schrieb mit Kugelschreiber auf den Deckel: nach Augenmaß. Darunter setzte sie die ungefähren Anteile, so klein, dass nur jemand mit gutem Willen sie lesen konnte.

„Wenn Sie wiederkommen müssen, bringen Sie den Deckel mit“, sagte sie.

Er nahm den Eimer mit beiden Händen. Den Holzstreifen ließ er noch einen Moment auf dem Tresen liegen. Dann wickelte er ihn ein, sorgfältiger als vorher. Beim Weggehen blieb ein Hauch Bleistiftstaub auf der grauen Arbeitsplatte zurück, zwei kleine matte Linien.

Udo sah ihnen nach. „Das ist nicht skalierbar.“

„Zum Glück“, sagte Jana.

Er schüttelte den Kopf, aber nicht hart. Dann schob er seinen Wagen weiter zu den Pinseln.

Jana nahm den Lappen. Auf ihrem Daumennagel war ein heller Strich Farbe, ein Rest vom zweiten Versuch. Sie hielt den Finger unter den Scanner.

PROBE ZU KLEIN.

Sie ließ den Lappen liegen.