← Zurück zu Short-Storys
FreibadFundsachenMelancholieKomik

Die Ersatzbank

Im Fundsachenhäuschen eines Freibads sucht ein Mann nach einer roten Sparbank, die seit fünfunddreißig Jahren weg ist.

Im Fundsachenhäuschen des Freibads roch alles nach nassem Beton, Sonnenmilch und der Sorte Pommesfett, die auch dann noch im Raum blieb, wenn der Kiosk seit einer Stunde zu war. Miriam saß hinter dem Schiebefenster und beschriftete Tüten.

Fundort: Liegewiese, Nähe Kastanie.
Gegenstand: ein einzelner Kinderschuh, blau, Größe 27.
Besonderheit: Sand im Klettverschluss.

Das mit der schlechten Laune schrieb sie nicht hin. Herr Pohl vom Bademeisterturm sagte, Fundsachenlisten seien keine Literatur. Herr Pohl trug eine Trillerpfeife um den Hals, obwohl er sie selten benutzte. Er pfiff lieber mit den Zähnen, was Miriam schlimmer fand, weil es persönlicher klang.

Vor dem Häuschen stand eine Bank aus grün gestrichenem Holz. Offiziell hieß sie Wartebank. Auf der Rückenlehne klebte noch der Rest eines alten Inventaraufklebers, eine graue Ecke mit der Nummer 17 und zwei Streifen, wo die Sonne den Lack verschont hatte. Niemand wusste, warum ausgerechnet diese Bank erfasst worden war. Die anderen standen einfach herum und taten ihre Arbeit ohne Nachweis.

Um achtzehn Uhr fünfundvierzig kam der Mann mit dem Bademantel.

Er war zu alt für den Bademantel, nicht körperlich, sondern in der Art, wie er ihn trug: geschlossen bis zum Hals, Gürtel doppelt geknotet, als müsse er etwas zusammenhalten, das sonst aus Versehen höflich auseinanderfiel. Der Bademantel war dunkelblau und hatte am Ärmel ein gesticktes Hotelwappen. Miriam kannte keine Hotels, die ihre Wappen auf Freibadwegen spazieren führten.

„Ich habe etwas verloren“, sagte er.

„Dafür sind wir hier.“

„Eine Bank.“

Miriam sah an ihm vorbei zur Wartebank. Darauf lag ein Junge bäuchlings und aß ein Eis so langsam, als wolle er es erziehen.

„Eine Sitzbank?“

„Nein. Eine Sparbank.“

Er legte beide Hände auf die Fensterkante. Die Fingernägel waren sauber, die Knöchel rot. „Aus Blech. Rot. Mit einem Schlitz oben. Auf der Seite ist ein Aufkleber von einem Pinguin.“

Miriam zog den Karton mit den kleineren Gegenständen heran. Sonnenbrillen, Schlüssel, Tauchringe, zwei Plastikdinosaurier, ein Lippenpflegestift, der nach chemischer Wassermelone roch, wenn man ihn nur ansah.

„Heute abgegeben?“

„Ich weiß nicht, wann sie abgegeben wurde.“

„Wann haben Sie sie verloren?“

Der Mann blinzelte, als habe sie ihn nach seinem Mädchenname gefragt.

„Neunzehnhundertneunundachtzig“, sagte er.

Vom Becken her schrie ein Kind „Arschbombe“, obwohl die Sprungbretter seit vier Wochen gesperrt waren. Herr Pohl rief etwas zurück, das nach Dienstanweisung klang und wie Kapitulation wirkte.

Miriam lehnte sich nicht zurück. Das hatte sie sich abgewöhnt. Wer sich im Fundsachenhäuschen zurücklehnte, wurde sofort zu jemandem, der nicht helfen wollte.

„Wir bewahren Fundsachen sechs Monate auf.“

„Ja“, sagte der Mann. „Das weiß ich.“

„Neunzehnhundertneunundachtzig ist etwas länger.“

„Auch das.“

Er hatte keine komische Stimme. Das machte es schwieriger. Verrückte mit komischer Stimme waren für alle Beteiligten eine Erleichterung. Man konnte freundlich bleiben und innerlich Akten schließen.

„Vielleicht meinen Sie das alte Freibadarchiv“, sagte Miriam. „Fotos, Zeitungsartikel, solche Sachen. Das ist im Rathaus.“

„Nein. Ich meine hier.“

„Das Gebäude wurde zweimal renoviert.“

„Die Herrenumkleiden nicht.“

„Leider doch.“

„Nicht richtig.“

Miriam hätte Herr Pohl rufen können. Stattdessen zog sie das Fundsachenbuch näher heran. Es war dick, obwohl fast alles darin leicht war.

„Name?“

„Meiner?“

„Der der Bank wäre schwierig.“

Ein kleines Lächeln kam und ging. Nicht bei ihm. Eher durch ihn hindurch.

„Eberhard Lenz.“

Miriam schrieb den Namen auf einen gelben Zettel. Herr Pohl hasste gelbe Zettel, weil sie verschwanden. Miriam mochte sie aus demselben Grund.

„Und Sie glauben, die Sparbank ist nach fünfunddreißig Jahren noch hier?“

„Nein“, sagte Lenz. „Ich glaube, sie ist weg.“

„Dann suchen Sie sie nicht?“

„Doch.“

Der Junge auf der Wartebank ließ sein Eis fallen. Es landete mit der Kugel nach unten auf den Steinplatten. Er sah es lange an. Dann hob er die Waffel auf und aß weiter. Miriam bewunderte Kinder manchmal für ihre widerliche Sachlichkeit.

„War Geld darin?“, fragte sie.

„Ja.“

„Viel?“

„Für mich damals ja.“

„Heute?“

„Heute müsste ich es nicht mehr zählen.“

Das war ein Satz, der sich wichtig machen wollte. Miriam ließ ihn stehen. Draußen zog eine Mutter einem Kind die nasse Badehose unter dem Handtuch aus und sagte dreimal: „Nicht hier“, obwohl alle genau dort waren.

„Warum kommen Sie jetzt?“

Lenz sah zur Wartebank. „Weil das Bad im September schließt.“

„Das stimmt noch nicht.“

„Es stimmt schon. Es ist nur noch nicht laminiert.“

Miriam mochte ihn dafür kurz. Das war lästig.

Sie drehte sich zum Regal hinter ihr. Dort standen die alten Kisten: NICHT ABGEHOLT, BESONDERE FÄLLE, SAISONENDE, UNKLAR. Unklar war ihre Lieblingskiste. Darin lagen Dinge, die nicht verloren genug waren, um wegzuwerfen, und nicht gefunden genug, um jemandem zu gehören: ein einzelner Ärmel einer Schwimmhilfe, drei identische Medaillen ohne Band, eine Postkarte mit Meer, aber ohne Text.

„Ich kann nachsehen“, sagte sie. „Aber nicht, weil ich glaube, dass—“

„Natürlich.“

„Sondern weil ich noch zehn Minuten Dienst habe.“

„Das ist ein guter Grund.“

Sie stellte die Kisten auf den Boden. Staub klebte sofort an ihren Unterarmen. Herr Pohl kam vorbei, sah den Mann im Bademantel, sah Miriam knien, entschied sich gegen Verantwortung und verschwand Richtung Technikraum.

In UNKLAR lag keine rote Sparbank. In SAISONENDE lagen sieben Schwimmbrillen, ein gelber Pullunder und eine Plastiktüte voller Muscheln, die jemand mitgebracht hatte, um im Freibad Meer zu spielen. In BESONDERE FÄLLE lag ein Gebiss in einer Brotdose. Miriam schloss die Kiste schnell wieder. Manche Dinge wollten nicht zweimal gefunden werden.

„Nichts“, sagte sie.

Lenz nickte, als habe sie ein Ergebnis bestätigt, das er selbst eingereicht hatte.

„Kann ich die Bank sehen?“, fragte er.

„Welche?“

Er deutete nach draußen.

„Die grüne Bank?“

„Wenn sie so heißt.“

„Sie heißt gar nicht. Sie hat nur eine Nummer. Das ist schlimmer.“

Miriam schob das Fenster zu, schloss das Häuschen ab und ging mit ihm hinaus. Der Junge war weg. Auf der Bank klebte eine helle Eisspur, die in der Abendsonne glänzte wie eine amtliche Beschädigung.

Lenz blieb davor stehen. Er setzte sich nicht.

„Hier?“, fragte Miriam.

„Nein“, sagte er.

„Nicht hier?“

„Anders herum.“

Miriam verstand nicht, was er meinte. Dann sah sie, dass die Bank früher einmal anders gestanden haben musste. Vier rostige Schraubenlöcher im Beton zeigten es, ein Rechteck, ein Stück weiter links, mit Blick auf die Umkleiden statt auf das Becken.

„Sie erinnern sich an die Richtung einer Bank?“

„An manche Richtungen erinnert man sich besser als an Menschen.“

Miriam verzog den Mund. „Den Satz haben Sie geübt.“

„Leider nicht.“

Das rettete ihn ein bisschen.

Sie hätte sagen können, dass er morgen beim Rathaus anrufen sollte. Sie hätte ihm den Zettel mit der Nummer geben können, der neben dem Desinfektionsspender hing. Sie hätte Herr Pohl holen können, der alles beenden konnte, indem er auf seine Uhr sah.

Stattdessen ging sie zum Geräteschuppen, holte den Schraubenschlüssel und den kleinen Eimer mit den Ersatzschrauben. Herr Pohl sah aus dem Technikraum.

„Miriam?“

„Zwei Minuten.“

„Die Bank ist festgeschraubt.“

„Genau daran arbeite ich.“

„Warum?“

Sie antwortete nicht. Das half oft.

Die ersten zwei Schrauben lösten sich leicht, als hätten sie nur auf einen Vorwand gewartet. Die dritte quietschte. Die vierte war rundgedreht und hässlich. Lenz hielt die Bank nicht fest, sondern stand daneben mit seinen sauberen Händen, als sei Berühren eine Art Diebstahl.

„Sie müssen nicht“, sagte er.

„Sagen Sie das früher. Bei Schraube eins ist es höflich, bei Schraube vier ist es Feigheit.“

Er lachte einmal. Kurz, trocken. Kein gutes Lachen, aber ein echtes.

Zusammen drehten sie die Bank. Sie war schwerer, als sie aussah. Unter der Sitzfläche klebten Kaugummis in verschiedenen historischen Farben. Eine Münze fiel heraus und rollte über den Beton: zehn Pfennig, schwarz am Rand.

Lenz bückte sich nicht.

Miriam hob sie auf. Auf der Zahl klebte etwas Grünes, vielleicht Farbe, vielleicht Moos.

„Ist das—?“

„Nein“, sagte er.

Sie gab ihm die Münze trotzdem. Er nahm sie, ohne hinzusehen, und schloss die Hand darum.

Die Bank stand nun wieder mit Blick auf die Umkleiden. Falsch für heute. Richtig für etwas anderes.

Herr Pohl kam näher. „Das bleibt aber nicht so.“

„Dann stellen Sie sie morgen zurück.“

„Das ist nicht verkehrssicher.“

„Im Moment sitzt niemand.“

„Darum geht es nicht.“

„Selten“, sagte Miriam.

Lenz setzte sich. Er tat es vorsichtig, als prüfe er nicht die Bank, sondern die Zeit. Sein Bademantel öffnete sich ein Stück am Knie. Darunter trug er eine graue Anzughose.

Miriam wollte nicht fragen. Das war nicht ihre Zuständigkeit. Sie blieb neben der Bank stehen, den Schraubenschlüssel in der Hand. Vom Becken kam das letzte Platschen, dann das müde Rufen von Eltern, die ihre Kinder wieder in Schuhe übersetzen mussten.

„Danke“, sagte Lenz.

„Wir haben nichts gefunden.“

„Doch.“

Sie sah auf seine geschlossene Faust. Er sah geradeaus zu den Umkleidetüren. Neben der linken hing seit Jahren ein Pfeil, der auf eine zugemauerte Durchreiche zeigte. Miriam hatte es nie gemeldet. Manche falschen Richtungen waren mehr Zuhause als Schaden.

„Ich muss abschließen“, sagte sie.

Lenz nickte. Er machte keine Bewegung aufzustehen.

Miriam ging zum Häuschen zurück, legte den Schraubenschlüssel auf den Tisch und schrieb auf den gelben Zettel: Eberhard Lenz, rote Sparbank, Pinguin, 1989, Bank gedreht.

Dann strich sie Bank gedreht wieder durch.

Draußen saß Lenz auf der falsch herum richtigen Bank. In seiner Faust lag ein Zehnpfennigstück, das nicht das war, was er gesucht hatte.

Miriam machte das Licht aus.