Der Schritt
Holger tritt auf dem Weg zu einem Achtsamkeitsseminar in Hundescheiße und entwickelt daraus ein Lebensprinzip, das niemand bestellt hat.
Holger trat um 8:17 Uhr in Scheiße.
Es war kein metaphorischer Moment. Keine Krise, kein beruflicher Rückschlag, kein unangenehmes Gespräch mit seiner Schwester, die seit drei Jahren „nur ehrlich“ war, wenn sie gemein wurde. Es war Scheiße. Hund, vermutlich mittelgroß. Konsistenz: entschlossen.
Holger blieb stehen.
Sein rechter Schuh tat so, als ginge ihn das alles nichts an. Der Rest von Holger wusste es besser.
Er stand auf dem Gehweg vor der Volkshochschule, in der um 8:30 Uhr sein Seminar beginnen sollte: „Achtsamkeit im beruflichen Wandel“. Er hatte sich angemeldet, weil seine Chefin gesagt hatte, er wirke in Meetings „innerlich laminierter als früher“. Holger hatte nicht gewusst, was das bedeutete, aber es klang teuer, und die Firma bezahlte.
Neben ihm rollte eine Frau mit Kinderwagen vorbei. Sie sah kurz auf seinen Schuh, dann in sein Gesicht, dann wieder geradeaus. Das war höflich. Grausam höflich.
Holger hob den Fuß.
Unter der Sohle hing ein brauner Faden Richtung Erde, als wolle die Straße ihn nicht gehen lassen.
„Na super“, sagte Holger.
Ein Mann auf einem Fahrrad rief: „Achtsam bleiben!“
Holger hasste die Stadt für ihre schnellen Pointen.
Er hüpfte zur nächsten Baumscheibe. Dort rieb er den Schuh am Randstein ab. Es wurde nicht besser, nur breiter. Aus einem Problem wurde eine Verteilung. Holger kannte das aus seiner Abteilung.
Er versuchte Gras. Das Gras knickte um und sah danach persönlich enttäuscht aus.
Er versuchte ein altes Kaugummipapier, das am Boden lag. Das Kaugummipapier war zu klein und nahm die Sache übel. Jetzt klebte es am Schuh.
Um 8:24 Uhr hatte Holger eine neue Gangart entwickelt: links normal, rechts beleidigt. Menschen schauten nicht hin. Dieses Nicht-Hinschauen war schlimmer als Hinsehen. Es machte ihn zu einer öffentlichen inneren Angelegenheit.
Vor dem Eingang der Volkshochschule stand eine Frau mit Namensschild und Thermoskanne.
„Seminarraum drei?“, fragte sie.
„Ja“, sagte Holger. „Ich habe allerdings ein akutes Bodenereignis.“
Die Frau sah nach unten.
„Oh.“
„Ja.“
„Toilette ist links.“
„Ich weiß nicht, ob links reicht.“
Sie nickte langsam, als sei das ein valider Einwand in der Erwachsenenbildung.
Auf der Toilette stellte Holger fest, dass öffentliche Waschbecken eine Höhe hatten, die nur für Hände und moralische Niederlagen gedacht war. Er hob den Fuß hinein. Sofort ging die Tür auf.
Ein älterer Herr kam herein, blieb stehen und sagte: „Das ist aber sportlich.“
Holger balancierte mit einer Hand am Seifenspender. „Ich arbeite an mir.“
„Sieht man.“
Der Mann ging in eine Kabine und pfiff dort zwei Töne, als wäre er allein auf einer Alm.
Holger drehte das Wasser auf. Der Strahl traf die Sohle, spritzte zurück und besprenkelte seine Hose. Jetzt sah es aus, als hätte er nicht nur ein Problem am Schuh, sondern auch ein schwaches Alibi.
Er nahm Papierhandtücher. Viele. Zu viele. Der Spender machte nach jedem Blatt dieses knirschende Geräusch, mit dem Geräte einem sagen, dass sie einen beurteilen.
Um 8:37 Uhr betrat Holger den Seminarraum.
Zwölf Menschen saßen im Stuhlkreis. In der Mitte lag ein Stein. Natürlich lag in der Mitte ein Stein. Kein Achtsamkeitsseminar ohne Stein. Der Stein sah aus, als hätte er schon mehrere berufliche Wandel überlebt und sei zu dem Schluss gekommen, dass Menschen anstrengend waren.
Die Kursleiterin lächelte. „Schön, dass Sie da sind. Wir haben gerade begonnen mit der Frage: Was bringen Sie heute mit?“
Holger blieb an der Tür stehen.
Es gab Momente, in denen man lügen konnte. Man konnte sagen: Müdigkeit. Neugier. Offenheit. Ein bisschen Skepsis. Man konnte sich elegant in die Gruppe hineinschwindeln und später so tun, als sei man immer schon jemand gewesen, der Steine in der Mitte akzeptierte.
Holger roch seinen Schuh.
„Scheiße“, sagte er.
Niemand lachte sofort. Das war das Gefährliche. Zwölf Menschen prüften, ob es sich um eine Metapher handelte.
Holger zeigte auf seinen rechten Fuß. „Nein. Also ja. Aber konkret.“
Da lachte die Frau neben dem Fenster. Erst klein, dann mit der Art Erleichterung, die andere Menschen ansteckt. Nach fünf Sekunden lachte der ganze Kreis, außer dem Stein, aber dem traute Holger einiges zu.
Die Kursleiterin legte beide Hände auf die Knie. „Möchten Sie dazu etwas sagen?“
Holger wollte nicht. Dann wollte er plötzlich sehr.
Er setzte sich auf den freien Stuhl neben der Heizung und hielt den rechten Fuß etwas abseits, wie ein schwieriges Haustier.
„Ich glaube“, sagte er, „mein erstes Learning ist: Man kann noch so bewusst losgehen, wenn man nicht auf den Boden guckt, tritt man trotzdem rein.“
Ein Mann mit Leinenhemd nickte so intensiv, dass Holger Sorge hatte, er würde gleich mitschreiben.
„Und das zweite“, sagte Holger, „ist: Wenn man reingetreten ist, sollte man nicht sofort versuchen, es an allen verfügbaren Oberflächen zu verteilen.“
Die Frau am Fenster lachte wieder.
„Das gilt beruflich auch“, sagte Holger. „Bei uns nennt man das Skalierung.“
Jetzt lachte sogar die Kursleiterin, kurz und gegen ihre eigene Ausbildung.
In der Pause stand Holger mit einem Kaffee im Flur. Der Schuh roch nur noch erinnernd. Die Frau vom Fenster kam zu ihm. Sie hieß Sandra und arbeitete in einer Personalabteilung, was Holger ihr erst übelnahm und dann verzieh, weil sie ihm einen Pfefferminzbonbon anbot, ohne zu sagen wofür.
„Ihr Learning war gut“, sagte sie.
„Es war nicht freiwillig.“
„Die meisten sind das nicht.“
Holger sah durch die Glastür nach draußen. Auf dem Gehweg ging eine Frau mit einem kleinen weißen Hund vorbei. Der Hund blieb stehen, schnupperte an genau der Stelle, an der alles begonnen hatte, und sah dann beleidigt zu seinem Menschen hoch, als habe die Stadt ihre Standards verloren.
Holger musste grinsen.
Am nächsten Montag saß er im Meeting. Projektstatus, Quartalsziele, eine Präsentation mit zu vielen Pfeilen. Sein Kollege Jens erklärte gerade, warum ein Fehler in der Kundenkommunikation „strategisch betrachtet eine Öffnung“ sei.
Holger spürte, wie sein rechter Fuß unter dem Tisch zuckte.
Früher hätte er nichts gesagt. Früher hätte er zugesehen, wie alle den Schuh über Randsteine, Gras und Kaugummipapier zogen, bis das ganze Projekt roch.
Er hob die Hand.
„Ich glaube, wir sind reingetreten“, sagte er. „Und gerade verteilen wir es.“
Es wurde still.
Seine Chefin sah ihn an. Lange. Dann klappte sie den Laptop zu.
„Leider“, sagte sie, „ist das die bisher präziseste Zusammenfassung.“
Seitdem nannte Holger es nicht mehr Scheitern. Das wäre zu groß gewesen. Er nannte es Sohlenkunde.
Wenn etwas schiefging, fragte er drei Dinge: Wo bin ich reingetreten? Woran habe ich es verteilt? Und was muss ich jetzt sauber machen, bevor ich weiterlaufe?
Das machte ihn nicht weise. Es machte ihn nicht einmal besonders gelassen. Aber es verhinderte, dass er aus jedem Haufen eine Landschaft machte.
Manchmal reicht das.