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SupermarktObjekteSubtextAlltag

Der Pfandbon

Kurz vor Ladenschluss hängt eine Supermarktkasse, und ein nasser Pfandbon verlangt mehr als nur 3,42 Euro.

Um zwanzig Uhr siebenundvierzig fiel im Markt das Licht nicht aus, es wurde nur unsicher.

Die Deckenröhren flackerten zweimal, als hätten sie einen Gedanken, den sie gleich wieder bereuten. Dann blieb alles an, aber gelblich und dünn. Kasse drei piepte nicht mehr.

Mira legte den Daumen auf den Scannerknopf. Nichts.

Vor ihr stand ein Mann mit nassen Haaren und einem Netz Mandarinen. Hinter ihm eine Frau in einem zu hellen Mantel, die Tiefkühlspinat in der Armbeuge trug wie ein krankes Tier. Weiter hinten jemand mit Katzenstreu, zwei Energydrinks und einer Topfpflanze, die schon aufgegeben hatte.

„System hängt“, sagte Mira.

Sie sagte es wie Wetter. Niemand sollte merken, dass sie seit sechs Stunden nicht gesessen hatte und in ihrer rechten Schuhsohle ein Stein lag, den sie aus Trotz nicht entfernte. Wenn man an Kasse drei saß, durfte nichts privat werden. Nicht der Stein. Nicht die Müdigkeit. Nicht der Umschlag in ihrer Westentasche.

Der Mann mit den nassen Haaren nickte, als sei er mit dem System persönlich bekannt.

„Ich hab noch Pfand“, sagte er.

Er legte einen Bon auf das Band. Dünnes, graues Papier, leicht wellig vom Regen. 3,42 Euro.

„Wenn es wieder geht“, sagte Mira.

„Der läuft heute ab.“

„Pfandbons laufen nicht ab.“

„Doch“, sagte er. „Bei mir schon.“

Die Frau mit dem Spinat machte ein Geräusch, das nicht ganz ein Seufzen war, eher ein kleiner Verwaltungsakt mit Lunge.

Mira zog den Bon zu sich. Der Barcode war verschmiert, aber noch erkennbar. Drei große Flaschen, eine kleine, vielleicht. Es gab Menschen, die sammelten Flaschen ordentlich. Es gab Menschen, die warfen sie in Taschen, unter Sitze, neben Betten. An der Kasse sah man nur die Summe und die feuchten Ränder.

„Ich kann ihn manuell eingeben, sobald die Kasse reagiert.“

„Ich brauch das jetzt“, sagte der Mann.

Nicht laut. Schlimmer: sachlich.

Über den Lautsprecher knackte es. Dann sagte eine Stimme aus dem Büro: „Liebe Kundinnen und Kunden, aufgrund einer technischen Störung bitten wir um einen kurzen Moment Geduld.“

Niemand im Markt hatte je einen kurzen Moment Geduld besessen. Mira wusste das. Sie verkauften Hefe, Batterien, Hundefutter, aber Geduld wurde nicht geführt.

An Kasse zwei hob Sevda die Hände. Ihre Kundin hielt eine Packung Eier hoch, als könne man damit argumentieren. Beim Backshop rutschte die automatische Tür fünf Zentimeter auf, fünf Zentimeter zu. Auf. Zu. Ein sehr kleines Tier mit Glasbauch.

„Ich kann Ihnen die Mandarinen zurücklegen“, sagte Mira.

Der Mann sah auf das Netz. „Es geht nicht um Mandarinen.“

Natürlich nicht, dachte Mira.

Sie strich den Bon glatt. Unter der Summe stand in winziger Schrift: Danke für Ihren Besuch. Kein Mensch glaubte das.

„Haben Sie bar?“, fragte die Frau mit dem Spinat.

Der Mann drehte sich nicht zu ihr um. „Wenn ich bar hätte, würde ich keinen Bon benutzen.“

„Man kann ja fragen.“

„Man kann auch frieren.“

Der Spinat begann an einer Ecke dunkel zu werden. Mira sah es mit einer Aufmerksamkeit, die lächerlich war. Alles wurde irgendwann weich, wenn man es lange genug falsch hielt.

„Ich rufe die Marktleitung“, sagte sie.

„Die ist schon gerufen“, sagte Sevda von Kasse zwei. „Sie kämpft mit dem Sicherungskasten. Es steht eins zu null für den Kasten.“

Ein paar Leute lachten. Nicht freundlich, nicht böse. Nur weil ein Geräusch gebraucht wurde, das nicht von der Tür kam.

Mira nahm den Bon wieder zwischen zwei Finger. Sie könnte 3,42 aus ihrer eigenen Tasche geben. Sie hatte vier Euro zwanzig im Portemonnaie, eine Büroklammer, zwei alte Bustickets und den Brief. Der Brief wog nichts und machte die Tasche trotzdem schwer. Außen stand nur die Adresse der Hausverwaltung, sauber geschrieben, weil sie bei schlimmen Dingen ordentlich wurde.

Der Mann rieb sich mit der Hand über die nassen Haare. Wasser tropfte auf den Gummirand des Bands.

„Der Automat hat ihn genommen“, sagte er. „Also muss der Markt ihn auch nehmen.“

Das war ein Satz, den Mira mochte. Er war falsch und richtig an genau der Stelle, an der der Tag wehtat.

Die Deckenröhren flackerten wieder. Kasse drei gab einen Ton von sich, ein müdes halbes Piep, dann zeigte der Bildschirm nur noch: BITTE WARTEN.

„Sehr gern“, sagte Mira zum Bildschirm.

Der Mann sah sie an. Zum ersten Mal richtig. Seine Augen waren nicht rot, nur überfordert, und das war unangenehmer. Rot hätte man einordnen können.

„Meine Tochter wartet draußen“, sagte er.

Hinter ihm bewegte sich die Schlange. Ein Wort ging durch die Leute, Tochter, als wäre es eine Genehmigung.

Mira schaute zur Glasfront. Draußen stand niemand, den sie klar erkennen konnte. Regen machte die Scheibe zur Behauptung. Da war ein Fahrradständer, ein nasser Hund ohne Besitzer, der vielleicht nur eine Tüte war, und der gelbe Rand der Bushaltestelle.

„Wie alt?“, fragte die Frau mit dem Spinat.

Der Mann sagte nichts.

Da war die Stelle, an der Geschichten gern weich wurden. Man hätte jetzt sagen können: krank, klein, Geburtstag, seit drei Tagen. Man hätte die Schlange verwandeln können in Menschen. Aber der Mann tat es nicht. Er hielt nur den Pfandbon, als sei er eine Nummer in einem Raum, der ihn sonst nicht aufrief.

Mira zog ihre Westentasche auf. Der Umschlag klemmte unter dem Portemonnaie. Sie nahm das Kleingeld heraus, legte drei Euro, zwanzig, zehn, zehn, zwei auf die Kassenplatte.

„Privatauszahlung“, sagte Sevda trocken. „Neue Funktion?“

„Testphase.“

„Ich dokumentiere innerlich.“

Der Mann nahm das Geld nicht.

„Nein“, sagte er.

„Doch.“

„Dann ist der Bon noch da.“

Mira sah auf das Papier. Dünn, nass, amtlich nutzlos. Ein Beweis, der nicht durchkam.

Sie legte das Geld wieder neben die Kasse und nahm den Stempel aus der Schublade. Eigentlich war er für Retourenformulare. BEARBEITET stand darauf in blau, wenn noch Farbe im Kissen war. Heute war nur noch ein blasser Rand übrig.

„Das darfst du nicht“, sagte Sevda.

„Ich weiß.“

Mira legte den Pfandbon auf die flache Stelle neben dem Scanner und drückte den Stempel darauf. Der Abdruck wurde schief. BEARBEI stand dort, der Rest verschwand im feuchten Knick.

„Wenn die Kasse wieder geht, ziehe ich ihn durch“, sagte sie. „Bis dahin ist er hier gewesen.“

Der Mann sah auf das halbe Wort. Hinter ihm sagte niemand etwas. Sogar die Tür hörte kurz auf, Tier zu spielen.

Dann nahm er nicht das Geld. Er nahm die Mandarinen, als seien sie schwerer geworden, und nickte einmal.

„Danke“, sagte er.

Mira schob den Bon nicht weg.

In diesem Moment sprang Kasse drei an. Der Scanner warf einen roten Strich über ihre Hand, hell und sauber. Auf dem Bildschirm blinkte: Artikel scannen.

Mira zog den Bon über das Glas. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal piepte es.

Pfand Auszahlung 3,42.

Die Schlange atmete aus. Die Frau mit dem Spinat legte ihre Packung aufs Band.

„Der ist jetzt weich“, sagte sie.

„Dann passt er besser in den Topf“, sagte Mira.

Das war kein guter Satz, aber alle nahmen ihn, weil man kurz vor Schluss nicht wählerisch war.

Der Mann ging zur Tür. Draußen blieb er unter dem Vordach stehen. Ob dort jemand wartete, konnte Mira noch immer nicht sehen.

Sie legte die 3,42 in die Kasse, den gestempelten Bon darunter. Der Umschlag in ihrer Tasche war offen. Sie musste ihn beim Kleingeld herausgerissen haben. Das Papier darin schaute heraus, weiß und ordentlich, viel zu überzeugt von sich.

Der Bildschirm sagte nichts. Er leuchtete nur.

Mira nahm den Spinat und hielt ihn einen Moment zu lang in der Hand, bis ihre Finger kalt wurden.