Der gelbe Stuhl
Ein hässlicher Klappstuhl bleibt im Regen zurück und zieht Mira tiefer in ein Erbe, das ihr gehört und doch fremd bleibt.
Als der Regen begann, stand der gelbe Stuhl noch immer vor der Reinigung.
Er war nicht schön. Gelbes Plastik, Metallbeine, ein Riss in der Sitzfläche, mit silbernem Klebeband überklebt. Auf der Lehne klebte ein Aufkleber von einem Radiosender, den es seit Jahren nicht mehr gab. BESTE HITS FÜR DIE STADT, stand darauf, wobei jemand mit Kugelschreiber aus HITS ein HUTS gemacht hatte. Beste Hüte für die Stadt. Dumm genug, um wahr zu sein.
Mira hatte ihn nur kurz abstellen wollen.
Sie stand unter dem Vordach der Reinigung, die seit drei Monaten geschlossen war, und hielt die Quittung für die Änderungsschneiderei in der Hand. Nicht ihre Quittung. Die ihres Vaters. Der graue Anzug lag noch drinnen, wenn die Kleidersäcke hinter der Scheibe nicht logen.
Nebenan zog Herr Öztürk die Markise seines Kiosks ein. Sie quietschte zweimal, dann blieb sie auf halber Strecke hängen.
„Der gehört Ihnen?“, rief er.
Mira sah den Stuhl an. Der Regen sprang von der Sitzfläche.
„Heute offenbar.“
Herr Öztürk lachte durch die Nase. „Gefährlicher Satz.“
Der Stuhl hatte im Keller ihres Vaters gestanden, zusammen mit leeren Farbeimern, einer Kiste Adventsschmuck und einem Staubsauger, der nach warmem Staub roch, sobald man ihn ansah. Auf der Unterseite war mit schwarzem Edding M. KRÜGER geschrieben. Das war nicht der Name ihres Vaters.
Morgens hatte Mira ihn in den Hausflur getragen, weil die Nachbarin im Erdgeschoss gesagt hatte, Sperrmüll sei am Donnerstag. Dann hatte die Nachbarin den Kopf aus der Tür gesteckt und gesagt: „Aber doch nicht den.“
„Warum nicht?“
„Der war immer bei den Versammlungen.“
„Was für Versammlungen?“
Die Nachbarin hatte den Kopf wieder eingezogen. Manche Türen machten zu, bevor sie sich bewegten.
Jetzt regnete es, und Mira musste entscheiden, ob sie einen fremden Stuhl zurück in einen Keller brachte, der ihr nicht gehörte, obwohl im Grundbuch seit gestern ihr Name stand.
Die Reinigung hatte ein Schild im Fenster: WIR MACHEN URLAUB BIS 04.03. Darunter war mit blauem Filzstift ergänzt: 2023. Das wirkte ehrlich und unverschämt zugleich.
Mira klopfte trotzdem. Zweimal. Beim zweiten Mal tat sie so, als hätte sie nur Regen von den Knöcheln geschüttelt.
Nichts.
Der gelbe Stuhl glänzte. Das Klebeband auf der Sitzfläche warf kleine Blasen. In der Ritze darunter sammelte sich Wasser.
„Stellen Sie ihn rein“, sagte Herr Öztürk.
Er stand jetzt neben ihr, obwohl sie ihn nicht hatte kommen hören. In der Hand hielt er eine Tüte Sonnenblumenkerne, aufgerissen, als wäre sie ein Gespräch.
„In den Kiosk?“
„Nein, in den Regen. Ja, in den Kiosk.“
„Ich will Ihnen keinen Stuhl aufdrängen.“
„Ich verkaufe E-Zigaretten an Leute, die sich für Nichtraucher halten. Ich bin abgehärtet.“
Mira nahm den Stuhl und trug ihn hinein. Zwischen Getränkekühlschrank, Lottoannahme und Süßigkeitenregal sah er plötzlich nicht besser aus, nur beschäftigter.
An der Kasse hing ein Zettel: Bitte Tiere leise schließen. Jemand hatte aus Tür Tiere gemacht. Mira lachte kurz. Es kam zu schnell aus ihr heraus und blieb dann peinlich im Raum stehen.
„Kinder“, sagte Herr Öztürk.
„Welche?“
„Die vorhandenen.“
Er stellte einen Pappbecher Kaffee auf den Tresen. Mira nahm ihn nicht. Dann nahm sie ihn doch, weil ihre Hand einen Auftrag suchte.
„Ihr Vater saß manchmal hier“, sagte Herr Öztürk.
„Er hat nicht geraucht.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
Der Kühlschrank sprang an. Draußen zog eine Frau mit rotem Schirm einen kleinen Hund hinter sich her. Der Hund hatte sich quer gestellt und wurde als Satzzeichen über den Gehweg geschoben.
Mira setzte sich auf den gelben Stuhl. Er knarrte beleidigt. Unter dem Klebeband gab der Riss nach, aber nicht ganz.
„Hat er auf jemanden gewartet?“
Herr Öztürk schüttete Sonnenblumenkerne in seine Handfläche. „Er hat Zeitung gelesen. Manchmal die von gestern.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch. Nur keine nützliche.“
Mira rührte den Kaffee mit einem Holzstab um. Der Stab war zu kurz; sie bekam Kaffee an den Finger und steckte ihn nicht in den Mund. Es gab Dinge, die tat man nicht vor Männern, die den eigenen Vater beim Herumsitzen gesehen hatten.
„M. Krüger“, sagte sie.
Herr Öztürk sah zum Stuhl. „Blumenladen. Früher.“
„Lebt sie noch?“
„In Rahlstedt, glaube ich.“
Das war ärgerlicher als tot. Tote ließen sich leichter einordnen; Rahlstedt verlangte eine S-Bahn, ein Telefonbuch, eine Entscheidung.
„Warum hatte er ihren Stuhl?“
Herr Öztürk kaute einen Kern auf. Sehr langsam. „Vielleicht hat sie ihn vergessen.“
„Seit wann?“
„Seit man hier drinnen noch rauchen durfte.“
Mira sah auf ihre Quittung. Der Rand war weich geworden. Änderung Herr Reimers, stand darauf, Abholung Freitag. Kein Datum, das noch brauchbar war. Sie faltete sie einmal, dann wieder auf, als hätte der Zettel sich beschwert.
„Die Reinigung ist zu“, sagte Herr Öztürk.
„Ich sehe das.“
„Manche sehen Sachen und klopfen trotzdem.“
„Manche verkaufen Sonnenblumenkerne im Regen.“
Er nickte. „Ein schwerer Beruf.“
Sie lächelte. Nicht lange, aber immerhin mit dem ganzen Mund.
Der gelbe Stuhl drückte ihr gegen die Rückseite der Knie. Mira stellte sich vor, wie ihr Vater hier gesessen hatte, nicht wartend vielleicht, nur nicht woanders. Das war weniger dramatisch und deshalb schlimmer. Niemand verschwindet auf einmal. Man verteilt sich vorher auf Kioske, Keller, Quittungen, auf fremde Stühle mit Namen darunter.
Sie stand auf.
„Ich nehme ihn mit.“
„Wohin?“
„Nach oben.“
„In den Keller?“
Mira klappte den Stuhl zusammen. Ein Bein klemmte und schlug ihr gegen das Schienbein.
„In die Küche.“
Herr Öztürk hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Das war anständig von ihm. Fast verdächtig.
Sie legte die nasse Quittung auf den Tresen. „Falls die Reinigung wieder aufmacht.“
„Der Anzug?“
„Kann warten.“
„Hat er ja Übung drin.“
Der Satz war frech. Zu frech. Mira sah ihn an. Herr Öztürk sah zurück, und für einen Moment standen sie beide in diesem zu hellen Kiosk zwischen Kaugummi und Trauer, bis der Kühlschrank wieder ausging.
Dann lachte Mira. Leise. Nicht weil es lustig war. Weil irgendetwas an dem Satz genau die richtige falsche Höhe hatte.
Draußen schlug der Regen stärker gegen die Straße. Sie klemmte sich den gelben Stuhl unter den Arm. Er war unhandlich, nass und schwerer, als ein Klappstuhl sein durfte.
Vor der Reinigung blieb sie stehen. Hinter der Scheibe hingen Kleidersäcke in einer Reihe, blass und bewegungslos. Einer davon konnte der Anzug sein. Oder keiner. In einem Fenster im zweiten Stock gegenüber ging Licht an, dann wieder aus.
Mira stellte den Stuhl nicht ab.
Als sie die Straße überquerte, quietschte eines seiner Beine bei jedem Schritt. An der Haustür musste sie ihn drehen, weil er nicht durch den Spalt passte. Das gelbe Plastik stieß gegen den Rahmen, einmal, zweimal, viel zu laut.
„Na“, sagte die Nachbarin aus dem Erdgeschoss, ohne die Tür ganz zu öffnen. „Doch nicht Sperrmüll?“
Mira hielt den Stuhl fest. Wasser lief ihr aus dem Ärmel.
„Heute nicht.“
Die Nachbarin schwieg. Hinter ihr roch es nach gebratenen Zwiebeln.
„Bei den Versammlungen“, sagte Mira, „worüber wurde da geredet?“
Die Tür blieb einen Spalt breit. Ein Auge, eine Kette, ein Stück Schürze.
„Über alles, was man nicht ändern konnte.“
Mira nickte, als sei das eine brauchbare Auskunft. Vielleicht war es eine.
Sie trug den Stuhl die Treppe hinauf. Auf jedem Absatz setzte sie ihn kurz ab, nicht weil sie musste, sondern weil er Geräusche machte, wenn man ihm Zeit gab: ein Tropfen vom Metallbein, ein kleines Knacken im Gelenk, das beleidigte Seufzen von Plastik.
Oben schloss sie die Wohnung auf. Der Kellergeruch war bis in den Flur gestiegen. Kartons warteten mit ihren ordentlichen Beschriftungen: Schrauben. Kabel. Winter. Sie stellte den gelben Stuhl in die Küche, an den leeren Platz zwischen Fenster und Heizung.
Dort sah er falsch aus.
Mira zog die nasse Jacke aus und hängte sie über die Lehne. Nach einer Weile tropfte sie auf das silberne Klebeband, genau in die kleine Blase über dem Riss. Es machte keinen Ton, den man hätte bemerken müssen.
Sie bemerkte ihn trotzdem.